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Einführung in die Disziplinentheorie (Disziplinik)

Seit jeher wird versucht all unser Wissen in Disziplinen oder allgemeiner »Wissenssystemen« zu erfassen, zusammenzufassen und zu pflegen. Dabei ist der interdisziplinäre Bereich der Disziplinenlandschaft als solche ein erkenntnistheoretisch und universitär ziemlich unbeachtetes Stiefkind. Ein Bereich wo bis heute kaum Literatur zu finden ist, was den Eindruck des akademischen, wissenschaftlichen und erkenntnistheoretischen Niemandslands noch bekräftigt. Aus einer sinnreichenden Disziplinentheorie können so manche wichtige, konstruktive und nachhaltig sinnreichende Gründe für unser Denken, Werten und Handeln abgeleitet werden, die öffentlich bis heute weitestgehend unbekannt sind.

Die hier vorgestellte Disziplinentheorie basiert unmittelbar auf der allgemeineren Systemtheorie, der »Systematik« allen Seins (siehe Navigationsleiste), die zum tieferen Verständnis als zur Kenntnis genommen vorausgesetzt wird.

Inhaltsverzeichnis [Verbergen]

1. Einleitung
2. Bekannte Disziplinen
3. Historische Schemata
    3.1 Die sieben freien Künste
    3.2 Der Baum des Wissens
    3.3 Enzyklopädien
    3.4 Die Dewey Decimal Classification
    3.5 Rhizomatik
    3.6 Kritiken
4. Forderungskatalog
5. Disziplinenschemata
    5.1 Der naturwissenschaftliche Bereich
    5.2 Der geisteswissenschaftliche Bereich
6. Erkenntnistheoretische Zusammenhänge
    6.1 Komplexität
    6.2 Allgemeingültigkeit
    6.3 Vollständigkeit
    6.4 Spezifität
7. Drei grundlegende Sprachprobleme
    7.1 Problem 1: Mittelbarkeit
    7.2 Problem 2: Abhängigkeit
    7.3 Problem 3: Effizienz
8. Sprache versus Modell
    8.1 Sprache und Modell in der Disziplinik
9.Der systemwissenschaftliche Bereich
10. Fazit
11. Quellen
12. weiterführende Literatur



1. Einleitung [Inhaltsverzeichnis]

Die Disziplinen menschlichen Denkens und Verstehens stehen in unserem umfassenden Wissensraum bis heute relativ bezugslos zueinander! Es besteht, gerade auch an den Universitäten, kaum Einsicht in den interdisziplinären Beziehungsraum. Disziplinäre Isolation ist eine starke Ursache für das offenbare kollektive Unverständnis, das wir Menschen der Einheitlichkeit der Natur des/allen Seins entgegenbringen. Die Folge davon sind zerrissene, nach außen widersprüchliche Interpretationen des/unseres Seins. Individuelle Wirklichkeitswahrnehmungen, bedingt durch Egozentrie, zentralistisches Denken, Glauben und Subjektion, werden individuell als »Die Realität« schlechthin definiert, was zur oft inhumanen Beurteilung Andersdenkender führt. »Wirklichkeit« und »Realität« fristen, nicht nur im alltäglichen Denken des Otto-Normalverständigen, als Begriffe ein starkes unscharfes Dasein, das beliebigen Interpretationen Tür und Tor öffnen. Dieses Abgrenzungsverhalten setzt gerade in Glaubensbereichen den grundsätzlichen Kern zur Gewaltbereitschaft gegen Andersdenkende, die dann, wie wir tagtäglich erfahren können, in den monotheistischen Religionen tatsächlich zur Gewalt führt, wenn weitere historische, kulturelle und politische Auslösemechanismen hinzukommen. Eine hin- und sinnreichende Disziplinentheorie, wie sie hier vorgestellt wird, soll dazu beitragen die zwischenmenschlich verhärteten Positionen aufzubrechen und auf eine fundierte wissenschaftliche Basis zu stellen, ohne bestehendem Wissen an-und-für-sich zu widersprechen. Sie soll eine echte, verwend- und verwertbare Theorie sein, um unser Verständnis des/allen Seins zu objektivieren und den Interpretationsdschungel an individuellen Beliebigkeiten und Fundamentalismen zu sachlich und rational richtigerem Verständnis aufzulösen.

Disziplinen verstehen sich jeweils als abgegrenzte Bereiche des Wissen, die oft für sich alleine den spezifischen Anspruch formulieren, eine wahre und weitestgehend vollständige Sicht auf bestimmte Dinge des Seins und/oder der menschlichen Existenz zu bieten. Andere Disziplinen seien hierzu nicht notwendig, weniger wichtig oder werden gar zu sog. Hilfswissenschaften degradiert, wobei man die Wissenschaftlichkeit der eigenen Disziplin zur Leitwissenschaft und somit über den anderen stehend erhebt. Die damit einhergehende disziplinäre Isolation bietet, gerade für die Einfältigen, die Grundlage zu einer völlig irrationalen Aufspaltung der sog. Wirklichkeit in einen objektiven und einen transzendenten Bereich (nicht: »transzendentalen« im Kant’schen Sinne!). Gerade die esoterischen Weltsichten propagieren, genauso wie die Religionen ihrerseits spezifisch, eine sog. transzendente oder spirituelle Welt, die rational aus Prinzip nicht zu erfassen sei und verneinen grundsätzlich den wissenschaftlich fortsetzbaren Prozess zu Erkenntnis.

So behauptet die Physik ob ihrer überwältigenden Erfolgsgeschichte in den letzten rund 250 Jahren sogar die Weltformel finden zu können. Eine letztes Gesetz, das das ganze Universum vollständig erfasst und beschreibt. Sollte das stimmen, so könnten wir alle anderen Disziplinen abschaffen, da sie samt und sonders in der Physik aufgehen würden oder zumindest nicht mehr notwendig wären. Das dieser Gedanke Unsinn ist, ist wohl jedem einsichtig.

Auch die Mathematik schwankt zwischen den Begriffskategorien Leitwissenschaft und Hilfswissenschaft. Eine einheitliche Betrachtung scheint hier, auch aus eigener innerer Bewertung zu fehlen. Sie ist auf der einen Seite etwas sehr allgemeines, für andere Disziplinen notwendiges und nützliches, auf der anderen Seite ist sie in der öffentlichen Betrachtung aber in sich irgendwie gegenstandslos und bezugslos und sich selbst genügend.

In jüngerer Zeit scheint auch die Biologie in dieser Hinsicht lauter zu argumentieren. So bekräftigte z.B. der Germanistikprofessor Wolfgang Frühwald, der damals noch Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) war: »Wir stehen am Vorabend einer wissenschaftlichen Revolution ...«, die durch den »Aufbruch der Biologie zur Leitdisziplin des komplexen Denkens ...« gekennzeichnet sei, Zitat: »Eine konsistente Theorie der Evolution und damit der Aufbruch der Biologie zur Leitdisziplin des komplexen Denkens scheint, wenn wir zum Beispiel Rüdiger Wehner oder George Steiner folgen, nicht mehr unmöglich [1].« In einem weiteren »DIE ZEIT«-Interview begründet er das so: »Sie [die Biologie] wird die Leitwissenschaft des 21. Jahrhunderts sein. Schon jetzt hat sie die Definitionsherrschaft im Reich der Begriffe.« und er lässt keinen Zweifel daran, das sich die anderen Wissenschaften dieser Definitionsherrschaft zu beugen hätten. Frühwald erklärt: »Hierfür aber müssen sie [die Geisteswissenschaften] das Vokabular der Naturwissenschaften [vornehmlich der Biologie] beherrschen. Sonst werden sie keinen Ort mehr in der Universität haben [2].« Starker Tobak das!

Und das setzt sich so fort: die Politologie, die Soziologie, die Theologie oder Religion, die Informationswissenschaften, die Philosophie usw., usw. Sie alle sind, wenn auch in schwächerer Ausdrücklichkeit, von diesem Syndrom betroffen. Alle jeweiligen Vertreter suchen in einem Klima der öffentlichen und insbesondere der finanziellen Rechtfertigung nach Argumenten, warum sie im Einzelnen eine Leitdisziplin sind oder in der Öffentlichkeit wenigstens als solche verstanden sein sollten. Selbst aus der Philosophie wird dieser Anspruch nach außen formuliert, obwohl sie innerdisziplinär ja gerade die interdisziplinär gleichberechtigte Ganzheitlichkeit des Denkens aus vielen guten und auch ethischen Gründen einfordert.

Wie auch immer: Es ist offenbar, dass uns eine grundlegende und integrativ wirkende Systematik der Disziplinen und des menschlichen Denkens fehlt! Dieses Denken spaltet die Disziplinen und damit die Menschen, anstatt die interdisziplinären Kräfte zu vereinen. Das soll nicht den gesunden Konkurrenzkampf im Prozess zu Erkenntnis unterbinden. Dieser sollte sich aber, wie bisher auch, »inner(!)«-disziplinär zwischen den einzelnen Forschergruppen an der Sache abspielen, aber nicht interdisziplinär politisch!

Das alles lässt unser Wissen, Denken, Forschen und Werten in einem grundsätzlichen, holistisch unerfassbaren Zustand erscheinen, aber: ist das wirklich so? Ist das bzw. unser Sein, also Existenz und Essenz allen seienden Seins, grundsätzlich in unvereinbare, getrennte Bereiche unterteilt bzw. zu unterteilen, wie es der Glaube, an was auch immer, einzufordern meint? Oder ist vielmehr davon auszugehen, dass sich alles zu- und ineinander verhält und strukturiert, also letztlich eine zwar systemisch differenzierbare aber dennoch zueinander strukturierte Einheit allen Seins bildet?!


2. Bekannte Disziplinen [Inhaltsverzeichnis]

Als erstes stellt sich die Frage, was denn unter einer Disziplin zu verstehen ist? Unter Disziplin (vom lateinischen »disziplina«: Lehre, Zucht, Schule) ist im hiesigen Kontext allgemein auch eine Einzelwissenschaft zu verstehen. Nun ist es nicht immer ganz einfach jede Weltanschauung als Wissenschaft oder »wissenschaftlich« hinzunehmen, zumal die Grenzen erstens unscharf sind und zweitens das Syndrom besteht, dass man es heute ob der historisch extremen Menge an Zerredung aller Argumente und Scheinargumente sowie der heute bestehenden wirtschaftlich und Macht-agierenden Lobbys vielfach den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu erkennen in der Lage ist. Gerade aus den unwissenschaftlicheren (nicht unwissenschaftlichen!) Disziplinen kennt man die extreme Schwierigkeit, sinnreichende Argumente für oder gegen die Wissenschaftlichkeit zu finden, zumal oft die üblichen Immunisierungsstrategien gegen Kritik durch sog. heilige Wahrheiten festzustellen sind. Als Beispiel seien typisch die Religionen und glaubensbasierenden Weltsichten zu nennen und jeder kennt wohl die Probleme, wenn ein Glaubender (egal an was) seine Argumente nennt zumal gerade diese Disziplinen auch universitär gepflegt werden. Man gedenke nur des Widersinns, dass die Universitäten neben den Hörsälen von Physik, Paläontologie und Kosmologie etc., wie ich es selbst erfahren konnte, an den Theologischen Lehrstühlen allen Ernstes verbal die Genesis als wirkliche wahre Gegebenheit der Weltwerdung vertreten und lehren und ein argumentatives In-die-Quere-Kommen tunlichst vermeiden. Nicht nur hier ist eine völlig unreflektierte Aufspaltung der Wirklichkeit und damit das interdisziplinäre Niemandsland zu erkennen, das allen Ernstes regelrecht universitär gepflegt wird! Ungeachtet dessen ist aber, bei aller möglichen Kritik, jedes abgrenzbare Wissenssystem generell erst einmal, prinzipiell und völlig wertungsfrei zu den spezifischen inneren Ansichten, von außen und hier objektiv als Disziplin anzusehen und einzustufen.

Die bis heute bekannten Disziplinen stehen somit in der Öffentlichkeit feststellbar in einer sehr chaotischen und akademisch unbeherrschten Zusammenhangslosigkeit. Trotz alledem ist aber sehr wohl eine naheliegende systemische, rationale und objektive Ordnungsstruktur definierbar, ohne einer einzelnen Disziplin eine typisch menschliche Bewertung als Leit- oder Hilfswissenschaft zuzuordnen oder zuordnen zu müssen. Jede Disziplin hat in sich gesehen ihre spezifische evolutionstheoretische und kulturhistorische Daseinsberechtigung, wenn auch von außen betrachtet nicht kritiklos auf der Basis heutigen Wissens aus allen drei zueinander ausgewogenen und vollständigen Kategorien des Prozesses zu Erkenntnis: des wissenschaftlichen Wissens, der philosophischen Orientierung und der gestaltenden Lebenskunst im Sinne von denken, werten und handeln, die unsere Seinsmöglichkeiten insgesamt und vollständig ausmachen.

Welche Disziplinen kennen wir nun bzw. haben sich in der Geschichte gebildet? Die folgende Zusammenstellung bezieht sich auf die Internetquelle »Wikipedia«, Suchbegriff: »Einzelwissenschaft«. Wenige, aus der Sicht des Autors Fehlende, sind in dieser Zusammenstellung ergänzt:

Bereich Geisteswissenschaften und Kulturwissenschaften:
Berufswissenschaft, Geschichte, Alte Geschichte, Mediävistik, Archäologie und Frühgeschichte, Neuere Geschichte, Zeitgeschichte, Wissenschaftsgeschichte, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Kulturgeschichte, Kunstgeschichte, Kunstwissenschaft, Musikwissenschaften, Pädagogik, Didaktik, Philosophie, Psychologie, Religionswissenschaft, Islamwissenschaft, Judaistik, Religionsgeschichte, Religionspsychologie, Religionssoziologie, Wissenschaften anderer Religionen (Christentum, Buddhismus, Hinduismus etc.)
nach Sprachen und Kulturräumen:
Altamerikanistik, Altphilologie, Afrikanistik, Ägyptologie, Amerikanistik, Anglistik, Austronesistik, Baltistik, Germanistik, Gräzistik, Indologie, Iranistik, Japanologie, Judaistik, Keltologie, Mongolistik, Orientalistik, Romanistik, Sinologie, Slawistik, Turkologie, Sprach- und Literaturwissenschaften, Kommunikationswissenschaft, Medienwissenschaft, Publizistik, Szientometrie, Theaterwissenschaft, Volkskunde

Bereich Humanwissenschaften:
Anthropologie, Ethnologie, Humanbiologie, Kognitionswissenschaft, Psychologie, Psychosomatik, Soziologie, Sprachwissenschaft, Volkskunde, Wissenschaftsforschung

Bereich Ingenieurwissenschaften:
Integrierter Schaltkreis, mechatronisches System, Automatisierungstechnik, Kybernetik, Robotik, Bauingenieurwesen und Architektur, Bodenmechanik und Geotechnik, Hochbau, Tiefbau, Innenarchitektur, Kulturtechnik und Wasserbau, Raumplanung/Stadtplanung, Statik, Elektrotechnik, Elektronik und Mikroelektronik, Energietechnik, Nachrichtentechnik, Hochfrequenztechnik, Feinwerktechnik, Feinmechanik, Medizintechnik, Technische Optik, Informatik, Praktische Informatik, Betriebssysteme, Programmiersprachen, Softwaretechnik, Technische Informatik, Digitale Schalttechnik, Netzwerktechnologie, Rechnerarchitektur, Landschaftsarchitektur, Maschinenbau, Anlagenbau, Energietechnik, Fertigungstechnik, Fördertechnik, Klimatechnik, Kraftfahrzeugtechnik, Luft- und Raumfahrttechnik, Materialwissenschaft, Mechatronik, Reaktorphysik, Schiffbau, Umwelttechnik, Verkehrstechnik, Verfahrenstechnik, Biotechnik, Chemische Technik, Lebensmitteltechnologie, Pharmazeutik, Verkehrswissenschaft, Vermessungswesen, Geoinformatik, Ingenieurgeodäsie, Katastertechnik

Bereich Naturwissenschaften:
Gedankenexperiment zur Relativitätstheorie, Astronomie, Astrometrie, Geschichte der Astronomie, Astrophysik, Himmelsmechanik, Kosmologie, Planetologie, Sonnenforschung, Stellardynamik, Stellarstatistik, Biologie, Biochemie, Bioinformatik, Biophysik, Botanik, Cytologie, Genetik, Histologie, Immunbiologie, Mikrobiologie, Mykologie, Neurobiologie, Ökologie, Verhaltensforschung, Zoologie, Chemie, Allgemeine Chemie, Analytische Chemie, Umweltchemie, Anorganische Chemie, Elektrochemie, Materialchemie, Biochemie, Lebensmittelchemie, Organische Chemie, Physikalische Chemie, Theoretische Chemie, Toxikologie, Geowissenschaften, Fernerkundung, Geodäsie, Geographie, Geoinformatik, Geologie, Geophysik, Hydrologie, Meteorologie, Ozeanografie, Pedologie, Medizin, Humanmedizin, Anästhesie, Anatomie, Augenheilkunde, Chirurgie, Unfallchirurgie, Dermatologie, Gerontologie, Gynäkologie, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Innere Medizin, Neurologie und Psychiatrie, Notfallmedizin, Nuklearmedizin, Orthopädie, Pädiatrie, Pathologie, Pharmakologie, Radiologie, Umweltmedizin, Urologie, Zahnmedizin, Pharmazie, Veterinärmedizin, Physik, Aero- und Hydrodynamik, Elektrodynamik, Experimentalphysik, Festkörperphysik, Kinematik, Mechanik, Optik, Quantenphysik, Relativitätstheorie, Teilchenphysik, Theoretische Physik, Thermodynamik, Psychologie

Bereich Agrarwissenschaften:
Pflanzenbau, Pflanzenernährung, Pflanzenzüchtung, Bodenkunde, Phytomedizin, Grünland, Gartenbau, Gemüsebau, Obstbau, Weinbau, Tierhaltung, Tierzucht, Agrarökonomie, Agrarsoziologie, Agrarpolitik, Agrargeschichte, Landtechnik, Agrarökologie, Ökologischer Landbau

Bereich Philosophie:
Philosophische Logik, Analytische Philosophie, Erkenntnistheorie und Erkenntniskritik (auch: Epistemologie), Metaphysik, Ontologie, Natürliche Theologie, Philosophie des Geistes, Wissenschaftstheorie, Methodologie, Sprachphilosophie, Naturphilosophie, Ästhetik, Ethik, Rechtsphilosophie, Philosophische Anthropologie, Religionsphilosophie, Politische Philosophie, Geschichtsphilosophie, Kulturphilosophie, Sozialphilosophie, Rhizomatik

Bereich Rechtswissenschaften:
Juristische Methodenlehre, Kriminologie, Rechtsdogmatik, Rechtsgeschichte, Rechtsphilosophie, Rechtssoziologie, Rechtstheorie, Rechtsvergleichung

Bereich Sozialwissenschaften:
Anthropologie, Philosophische Anthropologie, Demografie, Entwicklungsforschung, Ethnologie, Politologie, Psychologie, Rechtswissenschaft, Sozialarbeitswissenschaft, Sozialpsychologie, Soziologie, Sportwissenschaft, Volkskunde

Bereich Strukturwissenschaften:
Informatik, Künstliche Intelligenz, Theoretische Informatik, Automatentheorie, Berechenbarkeitstheorie, Komplexitätstheorie, Informationswissenschaft, Linguistik, Computerlinguistik, Semiotik, Logik, Mathematik, Algebra, Lineare Algebra, Analysis, Funktionalanalysis, Funktionentheorie, Arithmetik, Geometrie, Differentialgeometrie, Mengenlehre, Stochastik, Kombinatorik, Statistik, Wahrscheinlichkeitstheorie, Technische Mathematik, Topologie, Systemtheorie, Heuristik

Bereich Wirtschaftswissenschaften:
Betriebswirtschaftslehre, Arbeitsrecht, Controlling, Finanzierung, Logistik, Marketing, Wirtschaftsorganisation, Personalführung, Produktionswirtschaft, Unternehmensführung, Entwicklungsforschung, Sozioökonomie, Volkswirtschaftslehre, Makroökonomik, Mikroökonomik

Bereich (Christliche) Theologie:
Biblische Theologie, Biblische Hermeneutik, Biblische Einleitungswissenschaft, Exegese des Alten Testamentes, Exegese des Neuen Testamentes, Historische Theologie, Dogmengeschichte, Kirchengeschichte, Patrologie, Systematische Theologie, Dogmatik, Fundamentaltheologie, Kirchenrecht, Liturgiewissenschaft, Moraltheologie, Ökumenische Theologie, Praktische Theologie, Pastoraltheologie, Religionspädagogik (Katechetik), Homiletik, Missiologie

u.v.a.m.

Dass eine solche Aufzählung ihre Eindeutigkeitsprobleme hat kann man leicht erkennen. Insgesamt ist sie lediglich eine Aufzählung mit schwachen Bezüglichkeiten und mehreren ineinandergeschachtelten Kategorienansätzen. Das zeigt sich u.a. schon dadurch, dass mehrere Einzeldisziplinen wie z.B. die Psychologie sowohl unter Geisteswissenschaften vorkommt als auch unter Humanwissenschaften, Naturwissenschaften und unter Sozialwissenschaften; dass sich die Geschichte einzelner Disziplinen unter mehreren Kategorien wiederfinden, ohne dass die Geschichte als solche eine eigene Disziplin begründet. Genauso die Medizin oder dass sich die Philosophie unter Geisteswissenschaften einreiht aber zusätzlich auch als eigenständige Klasse. Dies ist keine Kritik an dem Beitrag von Wikipedia, sondern zeigt lediglich das Problem auf, dass kein einheitliches kanonisches und zur tieferen Natur der Disziplinenlandschaft kongruentes Beziehungssystem bekannt ist.

Die in Wikipedia gezeigte Aufzählungsordnung bezogen auf Geisteswissenschaften, Humanwissenschaften etc. ist »jeweils in sich«(!) weitestgehend schlüssig, aber nicht fähig eine systemisch holistische und somit hinreichend kanonische Ordnung mit einwandfreien inneren Bezüglichkeiten zu zeigen, denn beliebige andere Bezüglichkeiten mit dieser Qualität sind denkbar. Genau diese fehlende Bezüglichkeitsordnung macht es dem Denken in: »Wir sind die Leitwissenschaft und ihr habt euch dem unterzuordnen!«, so einfach. So zu denken und zu werten ist kaum kritisierbar. Letztlich lässt sich dieses Schema durch weitere mögliche Unterscheidungen beliebig fein weiter zergliedern, wodurch eine kanonisch einwandfreie und eindeutige Sicht auf die Disziplinenlandschaft unmöglich wird. Es stellt sich prinzipiell die Frage, ob ein Schema denkbar ist, das objektiv und von menschlich egozentrischem Werten unabhängig ist, weil es auf einem davon unabhängigen Modell basiert?


3. Historische Schemata [Inhaltsverzeichnis]

Historisch hat es einige Versuche gegeben, die Disziplinen in ein kategorielles Schema zu bringen. Sie beginnen bei einer reinen Aufzählung und versuchen später ein Strukturschema zu begründen. Die Bekanntesten sind:


3.1 Die Sieben freien Künste »Septem artes liberales [3]« [Inhaltsverzeichnis]

In der Antike entstandener Kanon von sieben Studienfächern: Grammatik, Rhetorik, Dialektik bzw. Logik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie bzw. Astrologie. Sie stellen nach alter römischer Vorstellung die Bildung eines freien Mannes dar und galten noch in der mittelalterlichen Lehrmeinung als Voraussetzung auf die damals als Wissenschaft definierten Studienfächer Theologie, Jurisprudenz und Medizin.

Sapientia et septem artes liberales
Diese Illustration aus dem »Hortus Deliciarum« (Garten der Köstlichkeiten), eine Enzyklopädie der Äbtissin von Hohenburg, der Herrad von Landsberg († nach 1196) aus dem Jahre 1180, stellt die Figur der Königin Philosophie, auch Sapientia (Weisheit) genannt, thronend im Mittelpunkt des inneren Kreises dar. Im äußeren Kreis dazu sind die als adlige Damen personifizierten Sieben freien Künste (»Septem artes liberales«) mit ihren charakterisierenden Insignien angeordnet.


3.2 Der »Baum des Wissens [4]« [Inhaltsverzeichnis]

Hierunter versteht man ein klassisches epistemisches Ordnungssystem, dessen Ursprung auf die botanische Semantik zurückgeht. Die grundlegenden Kategorien dazu wurden schon von dem griechischen Philosophen Aristoteles (384-322 v.d.Z.) genannt. Der neuplatonische Philosoph und Logiker Porphyrios von Tyros (234-3xx) verfasste eine Einführung in die aristotelische Kategorienschrift, die Isagoge genannt (von altgriechisch »eisagogé«: Einführung) [5], die große Bedeutung für die Philosophie im Mittelalter hatte. Hierin werden fünf miteinander verbundene philosophische Grundbegriffe, die sog. Prädikabilien aufgeführt. Diese sind in der Philosophie Begriffe, wie bzw. wie nicht über ein Ding gesprochen werden kann/darf (Ggs. Kategorie oder auch Prädikamente: inhaltliche Aussagen über ein Ding). Diese fünf Prädikabilien sind: die Gattung, die Art, die Differenz, das Proprium (notwendige Eigenschaft) und die Akzidenz (zufällige Eigenschaft). Der spätantike christliche Philosoph Anicius Manlius Torquatus Severinus Boëthius (475~480-524~526) zeichnete dieses Kategoriensystem (vermutlich) erstmals als »Baum«.

Arbor porphyrii« von Boëthius um 500
»Arbor porphyrii« von Boëthius um 500.

Der Papst Johannes XXI, bürgerlich Petrus Hispanus (~1205-1277) führte das als sog. Porphyrianischen Baum (Arbor porphyriana) in die damalige Wissenschaftsgeschichte ein und der katalanische Philosoph, Logiker und Theologe Ramon Llull (1232-1316) schließlich fasste den Baum des Wissens im Jahre 1295 als »Arbor scientiae« bzw. »Arbor naturalis et logicalis« zusammen.

»Arbor naturalis et logicalis« von Ramon Llull um 1295
»Arbor naturalis et logicalis« von Ramon Llull um 1295, veröffentlicht um 1512.

»Baum des Wissens« (Arbor scientiae) des Ramon Llull um 1295
Der »Baum des Wissens« (Arbor scientiae) des Ramon Llull um 1295 mit Ramon und der personifizierten Filosofia de amor.


3.3 Enzyklopädien [6] [Inhaltsverzeichnis]

Ähnliche Ordnungsschemata liegen mehreren spätantiken und mittelalterlichen Enzyklopädien zugrunde wie z.B. das »Theatrum vitae humanae« von dem Schweizer Gelehrten und Mediziner Theodor Zwinger dem Älteren (1533-1588) [7]. Der französische Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler René Descartes (1596-1650) nannte den »Baum der Wissenschaft« auch »das große Buch der Welt« als die Gesamtheit des Wissen und der Wissenschaften. Der englische Philosoph und Staatsmann Sir Francis Bacon (1561-1626) und der französische Schriftsteller Denis Diderot (1713-1784) benutzten dieses Schema jeweils in der »Encyclopédie«, wobei sich so langsam die Grenzen der Komplexität und der Darstellbarkeit dieses Schemas zeigten.

»System der Kenntnisse des Menschen« von Denis Diderot um 1751
Figürlich dargestelltes »System der Kenntnisse des Menschen« von Denis Diderot um 1751.

»System der Kenntnisse des Menschen« in Baumform
Das gleiche System in Baumform dargestellt erreicht die Grenze der Brauchbarkeit, Radierung von 1769.


3.4 Die Dewey Decimal Classification [8] [Inhaltsverzeichnis]

Sie ist die wohl bekannteste und eine weitverbreitete Kategoriendefinition für Bibliotheksbestände und geht auf den deutschen Philosophen und Bibliothekaren Gottfried Wilhelm Freiherr von Leibniz (1646-1716) zurück. Andere wurden entwickelt, zeigen aber alle ihre Grenzen, weil sie dem Prinzip des o.g. reinen Aufzählungsschemas ähnlich sind.


3.5 Rhizomatik [9] [Inhaltsverzeichnis]

Der französische Philosoph Gilles Deleuze (1925-1995) und der französische Psychiater und Psychoanalytiker Pierre-Félix Guattari (1930-1992) führten als Alternative zur historischen Baumdarstellung den Rhizom-Begriff im Sinne von Wurzelgeflecht als Wissensmetapher ein und begründeten die Rhizomatik (von griechisch »rhizoma«: Wurzel). Sie ist ein postmodernes bzw. poststrukturalistisches Modell der Wissensorganisation und Weltbeschreibung, das die älteren zweidimensionalen hierarchischen Baumstrukturen durch ein mehrdimensionales Beziehungsgeflecht erweitert. Das philosophische Konzept der Rhizomatik stieß auf großes Interesse in der Wissenschaftstheorie, der Medienphilosophie und den Kulturwissenschaften. Heutige sog. Netzwerke, z.B. das Internet, sind nach diesem Beziehungsgeflecht strukturiert und darzustellen.


3.6 Kritiken [10] [Inhaltsverzeichnis]

In der Neuzeit wurden die klassischen Ordnungssystem fundamental hinterfragt. So zeigte der österreichisch-britische Philosoph Ludwig Josef Johann Wittgenstein (1889-1951) die Unmöglichkeit einer hierarchischen Klassifikation bestimmter Kategorien und führte als Alternative den Begriff der Familienähnlichkeit ein [11]. In seinen Philosophischen Untersuchungen (1953) bezeichnet er damit Eigenschaften von Begriffen, die mit einer taxonomischen Klassifikation in einer hierarchischen Systematik nicht hinreichend erfasst werden könnten, ohne dass sich der Verstand Beulen holt, wörtlich: »… Beulen, die sich der Verstand beim Anrennen an die Grenze der Sprache [holt] … [12]«. Hiernach können Begriffe verschwommene und unscharfe Grenzen haben. Die Familienähnlichkeit ist, logisch betrachtet, nur eine naheliegend klassenbildende Äquivalenzrelation in reflexivem, symmetrischem und transitivem Sinne. Als Beispiele nennt Wittgenstein den Begriff der Sprache, den des Spieles und den des Sprachspiels und beschreibt, dass es wohl keine allgemeinen Merkmale gibt, die für alle Sprachen, Spiele und Sprachspiele gleich gültig wären. Es gäbe zwar einige Spiele mit gemeinsamen Merkmalen, sie weisen aber mit anderen überhaupt keine Gemeinsamkeiten auf wie z.B: »Brettspiele, Kartenspiele, Ballspiele, Kampfspiele etc.«. Sie lassen sich taxonomisch nicht mehr klassifizieren, weil sie nur über sog. Familienähnlichkeiten miteinander verwandt sind [13]. Wittgenstein zeigt mit seinen Beispielen die Grenzen der hierarchischen Systematik. Die Überlegungen Wittgensteins hatten grundsätzliche Bedeutung für die Zurückweisung des Exaktheitsideals.

Der französische Philosoph und Psychologe Michel Foucault (1926-1984) stellt in seinem Buch »Die Ordnung der Dinge« jegliche Kategoriensysteme in Frage, da sie einer Raum-Zeit-Gebundenheit unterliegen; er zeigt in seiner »Archäologie des Wissens«, dass jedes taxonomische Kategoriensystem willkürlich wirkt, sobald es aus einer Außenperspektive betrachtet wird [14].


4. Forderungskatalog [Inhaltsverzeichnis]

Alle diese Disziplinensysteme werden einer sinnreichenden, offenen und klaren Kategorisierung aber nicht gerecht, wie das an den aufgetretenen Grenzen der bekannten Systeme erkennbar wurde. Die »Sieben freien Künste«, der »Baum des Wissens«, die bibliographischen Klassifikationen und das Rhizomatische Netzwerk sind lediglich naheliegende Aufzählungen und Strukturzusammenfassungen auf der Basis von »Familienähnlichkeiten« (Wittgenstein), die nicht aus einer fundamentaleren Ebene unabhängig definierbar sind. Nicht umsonst konnten die von Wittgenstein erkannten Unklarheiten (gegen das Exaktheitsideal) und Foucault (»... taxonomische Kategoriensystem sind von außen betrachtet immer willkürlich ...«) kritisiert werden.

Allerdings, und das möchte ich hier zeigen, sind die vorgenannten Kritiken nur spezifisch auf die historischen Darstellungssysteme zu beziehen und nicht zu generalisieren, da es immer ein weiteres, noch allgemeineres »Außen« gibt bzw. denkbar ist, aus dessen Sicht sich das Ganze erneut anders darstellt. Selbst die Foucaultsche Kritik, die sehr fundiert erscheint, gilt nicht universal, sondern hat ihren Gültigkeitsbereich, da Raum und Zeit auch nur eine spezifische Fassette des Seins oder des Weltraums ist, der sich als Subsystem vom allgemeineren Universum definitiv differenziert und spezifiziert. Es darf niemals vergessen werden, dass Kritiken, und erscheinen diese noch so klar, offenbar, grundsätzlich und wissenschaftlich objektiv, immer auch nur Thesensysteme sind, die, wie alle anderen Wissenssysteme auch, immer auf spezifischen Randbedingungen, also Annahmen und Hypothesen, aufbauen. Auch Kritiksysteme sind immer selbst wieder fundamentaler anzufechten bzw. zu verbessern, unterliegen also auch der Falsifizierung. Von sinnreichenden inneren Beziehungsstrukturen, die erstens eine problemfreie Klarheit und zweitens eine sinnreichende Strukturgrundlage aufweisen, sind diese Systeme und auch deren vorgenannten Kritiken grundsätzlich entfernt.

Worin also liegt das Kernproblem dieser Disziplinensysteme? Systeme können nur dann auf Dauer funktionieren, also kanonisch und allgemeingültig sein, wenn sie das, was sie darstellen, strukturell von den dargestellten Elementen entkoppelt und unabhängig darstellen und das ist ein grundsätzliches systemisches Prinzip. Das Verändern, Hinzufügen oder Entfernen einer Disziplin darf nicht auf die Qualität der Darstellungsstruktur selbst zurückwirken. Es lässt sich zeigen und empirisch belegen, dass ein beliebiges darstellendes System immer »an die Wand läuft«, wenn es von Art, Umfang und Inhalt der dargestellten Elemente, also der Subsysteme, hier die Disziplinen im gesamten Darstellungssystem, selbst abhängig ist. M.a.W: Die Darstellungsstrukturen müssen modellaren Prinzipien folgen, die ihren eigenen unabhängigen Zureichenden Grund haben. Es muss also differenziert werden zwischen der Darstellung und dem Dargestellten.

Deshalb ist, um zu dem hier probagierten Modell zu kommen, vorab ein Forderungskatalog aufzustellen, an dem sich ein sinnrichtiges Kategoriensystem der Disziplinen mindestens auszurichten hat!

Ein sinnreichendes kategorielles Disziplinenschema ist dadurch gekennzeichnet dass es:

  1. widerspruchsfrei und eindeutig ist;
  2. kanonisch, homogen und isotrop ist bezüglich Ordnung und innerer Struktur der Darstellungsprinzipien;
  3. elementar und logisch ist;
  4. epistemisch kongruent ist zur ontologischen Wirklichkeit der Disziplinenlandschaft;
  5. invariant ist zu innerer Definition, Art und Umfang einer jeden abgrenzbar existierenden Disziplin;
  6. unabhängig ist von Weltanschauungen, Sprache und tautologischen Prinzipien;
  7. werte- und wertungsfrei ist gegenüber dem inneren spezifischen Wissen aller abgrenzbar definierbaren Disziplinen;
  8. offen und variant ist für zukünftige Erweiterungen und Modifikationen der Darstellung selbst ohne die dargestellten Elemente (Disziplinen) zu beeinflussen;
  9. offen und variant ist für das Verändern, Hinzukommen oder Herausspezialisieren neuer Disziplinen bzw. das Entfernen vorhandener Disziplinen, ohne die Darstellungsprinzipien zu beeinflussen;
  10. in der Lage ist ausnahmslos alle denkbaren Disziplinen unter ein interdisziplinäres, ganzheitlich gedachtes und universales Strukturschema zusammenzuführen, auch wenn sich bestimmte Disziplinen selbst so definieren, dass sie diesem Forderungskatalog widersprechen würden;
  11. in der Lage ist, weitere begleitende Erkenntnisse ableitbar zu halten, die über den rein statischen Darstellungscharakter von Struktur- und Beziehungszusammenhängen hinausgeht. Ein solches Disziplinenschema muss auch die Grundlage für damit im Zusammenhang stehende, dynamisch weiterführende Erkenntnisse bieten. Diese Forderung erst erhebt das Disziplinenschema neben der reinen, in den vorgenannten Punkten geforderten, notwendigen Darstellungsqualität zu einem echten Modell als Grundlage zu einer echten Disziplinen-»Theorie«!

Dieser Forderungskatalog stellt keine finale Vollständigkeit dar, sondern ist, genau wie das darauf begründete Kategorienschema der Disziplinen, immer dem andauernden und weiterführenden Prozess zu Erkenntnis anheim zu stellen. Nur so kann sich auch dieses Thema unter den evolutiven Bedingungsprinzipien von Anpassung oder Auslese zu einer zukünftig noch richtigeren, hin- und sinnreichenderen Darstellung weiterentwickeln. Insofern ist die hier vorgestellte Disziplinentheorie als ganz normaler Weiterentwicklungsschritt seit den »Sieben freien Künsten« zu einem unablässig verbesserbaren Wissen um die Dinge anzusehen ohne die übliche und typisch menschliche Einstellung, dass »man die finale Antwort gefunden habe«: Erkenntnis ist immer und unter Prinzip ein unablässig andauernder, der Falsifizierbarkeit ausgesetzter Prozess!


5. Disziplinenschemata [Inhaltsverzeichnis]

Wie also könnte ein Disziplinenschema aussehen, das dem Vorstehenden entspricht, insbesondere dem Forderungskatalog? Es muss eine, zur ontologisch systemischen Strukturenordnung der Disziplinenlandschaft passende Strukturform zeigen, um mögliche Widerspruchsmomente von vorn herein zu minimieren. Die Disziplinenlandschaft zeigt, genauso wie die systemische Ordnung des/allen Seins, deren Anteil sie ist, eine hierarchische Einbettungsstruktur von Systemen und Subsystemen bzw. Entitäten. Dabei ist jeweils das allgemeinere Wissenssystem immer das System, dessen Wissen notwendig in den weiteren spezifischeren Disziplinen verwendet wird. Man kann auch sagen, dass das Wissen aus allgemeineren Systemen an spezifischere Systeme vererbt wird. An (je nachdem wie man es zeichnet) »oberster« Position muss also eine Disziplin stehen, die die Allgemeinste und damit auch im Sinne von interdisziplinärer Übertragbarkeit Vollständigere von allen ist. Das ist unbestreitbar die Mathematik! Sie ist eine Disziplin, die von allen anderen Disziplinen genutzt wird und sei es nur um statistische Zusammenhänge zu erfassen oder etwas zu zählen. Zumindest wird sie von jeder Disziplin ausnahmslos akzeptiert. Keine noch so verschrobene Weltsicht bzw. dessen Vertreter lehnen die mathematischen Axiome, syntaktischen Regeln, Formalismen und Gesetzmäßigkeiten etc. ab. Warum das so ist und was eigentlich die dahinterstehende Erkenntnis ist, wird im Laufe des Folgenden noch klar werden!


5.1 Der naturwissenschaftliche Bereich [Inhaltsverzeichnis]

Was ist nun die ontologische Entsprechung? Wir fragen einfach: Wäre das Entwickeln einer epistemischen Mathematik sinnvoll (gewesen), wenn sie keine Entsprechung in den Dingen hätte? Eine ontologische Entsprechung, die weitestgehend unabhängig ist von der spezifischen innern Realitätsausprägung sowohl von ontologischen als auch von epistemischen Systemen und Wissenssystemen?

Anmerkung: Auch ein epistemisches Wissenssystem ist von außen betrachtet ein ontologisch existentes, betrachtbares System, also eine Entität des/allen Seins. Es unterliegt den gleichen systemischen Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien und ist somit wiederum als ein System epistemisch beschreibbar.

Die Antwort ist »Nein«: Die Entwicklung der Mathematik als syntaktische Beschreibungsanalogie war sinnvoll, weil zu entdecken war, dass der tieferen Natur der wirklichen und wirkenden Dinge eine immanente eigenschaftliche Mathematischkeit innewohnt, die durch diese entsprechende Mathematik beschreibbar wurde. Wäre das nicht so, dann wären wir nicht in der Lage deduktive Voraussagen zu verfassen! Die Entdeckung, dass man durch entwickelte spezifische, eben mathematische Regeln, die syntaktisch formulierbar sind, etwas beschreiben kann, das sich in seinen Ergebnissen dadurch mit der Beobachtung verifikativ deckt, zeigt den starken allgemeingültigen Kongruenzcharakter der epistemischen Mathematik zur ontologischen Wirklichkeit in unserer Wahrnehmung.

Die nächste Frage ist: Welches Disziplinensystem kommt als Nächstes in dieser systemisch strukturierten Disziplinenlandschaft? Es muss ein System sein, das zum Einen die (allgemeinere) Mathematik notwendig voraussetzt und zum Anderen zu weiteren anderen Disziplinen wieder die allgemeinere Grundlage bietet, damit sich diese dann wiederum darauf beruhend und berufend weiter spezialisieren und spezifisch ausdifferenzieren können. Hier wird unbestreitbar die Physik zu finden sein, die wiederum die Grundlage zu noch spezifischeren Disziplinen bildet. »spezifischer« bedeutet hier: Durch Emergenz hinzukommende Entitäten, die in der inneren Realitätsausprägung (die Summe aller inneren Erscheinungen eines System) des darunterliegenden allgemeineren Disziplinsystems nicht existieren. Die Mathematik vererbt der Physik Modelle und syntaktische Regeln. Damit sich die Physik von der Mathematik differenziert und dadurch in unserer Wissenslandschaft in eine sinnvolle unterscheidbare Existenz tritt, müssen spezifische, nur unter physikalischen Betrachtungsbedingungen auftretende, eben physikalische Thesen und Erscheinungen in emergenter Weise hinzukommen. Diese sind nunmehr Aussagen und Interpretationen zu (u.a.:) kausalen Gegebenheiten, die so alleine aus der mathematisch syntaktischen Erfassung noch nicht hervorgehen, also noch keine spezifisch emergenter Anteil der Summe aller Entitäten im Wissenssystem der Mathematik sind, was diese Mathematik nachgerade eben allgemeingültiger macht.

Wie also kann man die Disziplinen in dieses Strukturschema der nunmehr objektiven Entscheidungsmerkmale von Allgemeingültigkeit, Vollständigkeit und Spezifität anordnen? Unabhängig vom systemisch analytischen Charakter dieser Merkmale, kann man sich bestimmte Fragen stellen, die auf diesen Merkmalen basieren um sozusagen die systemische Mächtigkeit aufgrund dieser Merkmalseigenschaften zu entscheiden. Dazu kann man sich bestimmte Fragen stellen, die - und das ist das Ziel - unabhängig von menschlicher Meinung zu einer objektiven Anordnung führen:

Strukturfrage: »Welche von zwei betrachteten Disziplinen nutzt notwendig das Wissen der anderen aber nicht umgekehrt?«

Bezugsfrage: »Welche Disziplin betrachtet gegenüber der anderen einen spezifischeren und damit eingeschränkteren und kleineren Anteil der umfassenden ontologischen Wirklichkeit?«

Beide Fragen müssen allgemein gesehen zum gleichen Entscheidungsergebnis führen. Können beide Fragen deutlich beantwortet werden, so zeigt sich der Disziplinenbezug mit seinen asymmetrischen Gewichtungsrichtungen an allgemeinerer und übertragbarerer Nutzbarkeit in die eine Richtung und demgegenüber eine reduzierte in die andere. Können sie nicht eindeutig beantwortet werden, so stehen sich die beiden betrachteten Disziplinen entweder bei völlig spezifischen getrennten Wissensbereichen gleichberechtigt nebeneinander und setzen gemeinsam auf einen dritte Disziplin auf oder sie sind untrennbar miteinander verwoben, wie hier die Mathematik und die Logik im naturwissenschaftlichen Ast, die deshalb nicht notwendig herausgestellt ist.

Und so geht es weiter: Die Chemie basiert auf dem Wissen der Physik (molekulare Bindungskräfte sind physikalisch zu erfassen), aber nicht umgekehrt, die Biologie auf dem Wissen der Chemie, usw. Dabei ist das Schema so zu verstehen, dass das disziplinär gekapselte Wissen im Durchgriff nach »unten« sozusagen »durchgereicht« und weiter vererbt wird. Selbstverständlich basiert die Biologie dadurch auch auf der Mathematik und der Physik, denn beide sind die Voraussetzung der Chemie als wiederum allgemeinerer Wissensgrund zur Biologie, auch wenn das explizit zunehmend schwächer festzustellen ist. Es sind im Grunde also immer diese beiden Fragen zu stellen, welche grundsätzlichere, allgemeiner gültige Disziplin wird benötigt, die die betrachtete aber im Umkehrfalle nicht benötigt. Im Relativbezug benötigt eine Disziplin gegenüber einer anderen also zusätzlich spezifisches Wissen über spezifische Entitäten im betrachteten Bereich, das die andere nicht benötigt.

Auf dieser Basis nun das folgende grobe aber grundsätzliche Disziplinenschema des naturwissenschaftlichen Bereichs:

naturwissenschaftliches Disziplinenschema

Dieses Schema ist natürlich nicht vollständig, ist aber immer ergänzbar ohne die grundlegenden Prinzipien zu stören. So ist z.B. die Zoologie hier eine spezifische Teildisziplin der Biologie, wobei die Botanik, je nach Sichtweise was man herausstellen möchte, als Teil der Biologie aber auch als spezifische Disziplin angesehen werden kann, ohne das Darstellungsprinzip der grundlegenden Vererbungsfolge des Wissens zu stören. Das Strukturprinzip dieses Schemas ist somit unabhängig zur Intension der Darstellung und dem Dargestellten. Damit sind die meisten Punkte aus dem Forderungskatalog oben schon erfüllt.

An diesem Schemaprinzip zeigt sich auch der grundlegende Netzwerkcharakter der Rhizomatik aber auch die anderen Erkenntnisse aus der Historie der Disziplinentheorie wie z.B. Wittgensteins Familienähnlichkeiten sind letztlich hier eingeflossen. Warum denn auch nicht, waren das doch alles sinnvolle Gedanken dazu! Die in der Historie aufgetretenen und kritisierten Grenzbedingungen solcher Darstellungen spielen in dem hier vorgestellten Schemaprinzip auf dem Forderungskatalog beruhend keine Rolle mehr. Genau das ist das Verdienst der Systematik, die sich (epistemisch ausgedrückt:) in der systemtheoretischen bzw. (ontologisch ausgedrückt:) in der systemischen Grundstruktur dieser Disziplinentheorie zeigt. Bezug nehmend auf die historische Kritik ist, wie oben nach der historischen Bestandsaufnahme, Eingangs zum Forderungskatalog schon erwähnt, hier nun eine noch allgemeinere unabhängigere Sichtweise eingeflossen, weil »… es immer ein weiteres, allgemeineres Außen gibt bzw. denkbar ist, aus dessen Sicht sich das Ganze [aller Kritiken] erneut anders darstellt.«.

Es bestehen selbstverständlich auch Querverbindungen zwischen den einzelnen Disziplinen, die nicht alle in einem einzigen kleinen zweidimensionalen Bild darzustellen sind, aber hier auch nicht unbedingt dargestellt werden müssen. Insgesamt ist jede denkbare Vererbungsstruktur von Wissen möglich, auch Kreisbeziehungen oder wechselseitige Beziehungen. Diese müssen im Einzelfall gesondert dargestellt werden. Viele Disziplinen rekrutieren sich natürlich weitere Anteile aus den unterschiedlichsten anderen Disziplinen. So hat z.B. die Elektronik auch direkten Bezug zur Festkörperchemie, die aber auf dem Bedeutungsprinzip dieser Schematheorie beruhend durch die Mechanik nach »unten« durchvererbt wird.


5.2 Der geisteswissenschaftliche Bereich [Inhaltsverzeichnis]

Die aus der Mathematik hervorgehende Logik und die darauf beruhende Sprache ist natürlich auch eine Grundlage weiterer Disziplinen, aber eben speziell genau für solche, die fast ausschließlich auf Sprache beruhen, wie unten noch gezeigt. Es geht hier nicht darum eine einheitlich starre Kategorienstruktur zu zeigen, sondern um die strukturell flexiblen Disziplinenabhängigkeiten. Deshalb ist die folgende Ergänzung aus dem geisteswissenschaftlichen Bereich explizit herausgestellt, um die komplexe Netzwerkabhängigkeit darstellungstechnisch nicht überzustrapazieren.

geisteswissenschaftliches Disziplinenschema

In diesem Zusammenhang nun zeigt sich die Logik, die im ersten Schemabild noch als ein Teil der Mathematik gilt, als eigenständige Disziplin herausgestellt. Im Bereich der hauptsächlich rein auf Sprache basierenden Disziplinen ist das nun sinnvoll, weil die Logik, als Voraussetzung hierzu, wiederum auf den syntaktischen Grundlagen der Mathematik basiert.

Aber auch solche Wissenssysteme, die man ob ihrer grundsätzlich fehlenden Wissenschaftlichkeit als die grundsätzliche innere Freiheit zur Falsifizierbarkeit nur schwer als offizielle Disziplinen akzeptieren würde, haben, wie oben Eingangs schon angemerkt, um der Wertfreiheit und Objektivität genüge zu tun, natürlich auch einen grundsätzlichen Platz in diesem Schema. Zu diesen esoterischen Systemen gehören in Ergänzung zum schon Gezeigten u.a. alle Religionen, die Astrologie, die sog. Ufologie, die Geistergläubigkeit, PSI und Magie, etc. pp., um die Bekanntesten zu nennen. Im Umkehrschluss zeigt das erneut die grundsätzliche Entkoppelung zwischen der Darstellungsbedeutung und dem Dargestellten wie oben im Forderungskatalog gefordert.

In diesem geisteswissenschaftlichen Disziplinenast ist auch die Kunst untergebracht, weil sie definitiv eine kommunikative aber auch spezielle Ausdrucksdisziplin mit ihren eigenen Modellen und Regeln ist. Die Sprache (nicht Sprachwissenschaften) versteht sich in diesem Zusammenhang eher und viel allgemeiner als Kommunikationsdisziplin, die nicht nur akustisch sprachliche, sondern auch optische und jegliche andere denkbare Formen der Botschafts- und Informationsübertragung einbezieht. Insofern wäre diese Disziplinenbenennung allgemeiner eher als »Kommunikationswissenschaft« zu bezeichnen.

Was hier nun noch fehlt, ist der systemwissenschaftliche Disziplinenast. Zuvor aber sind einige Erläuterungen nötig.


6. Erkenntnistheoretische Zusammenhänge [Inhaltsverzeichnis]

Was ist nun von diesem Disziplinenschema abzuleiten? Hier nun kommt der Punkt 11. aus dem Forderungskatalog zum tragen. Zur Erinnerung:

Ein … Disziplinenschema ist dadurch gekennzeichnet dass es:
11. in der Lage ist, weitere begleitende Erkenntnisse ableitbar zu halten, die über den rein statischen Darstellungscharakter von Struktur- und Beziehungszusammenhängen hinausgeht. Ein solches Disziplinenschema muss auch die Grundlage für damit im Zusammenhang stehende, dynamisch weiterführende Erkenntnisse bieten. Diese Forderung erst erhebt dieses Disziplinenschema … zu einem echten Modell als Grundlage zu einer echten Disziplinentheorie!


6.1 Komplexität [Inhaltsverzeichnis]

Zuerst einmal zeigt sich (darstellungsabhängig hier von oben nach unten) eine Zunahme der Komplexität. Die Vererbung von voraussetzendem Wissen erreicht in den unteren Schichten einen kaum noch darstellbaren Zustandsumfang. Das aber ist kein Argument, dass hier etwas falsch sein könnte. Im Gegenteil: Es ist Ausdruck der Flexibilität und der Kongruenz zu all unserem Wissen, das sich in Disziplinen organisiert und eben durch Spezifitäten gegenseitig abgrenzt. Damit erhebt sich die Disziplinentheorie und somit auch der Mensch nicht über die Natur der Dinge, sondern beschreibt lediglich den offenbaren Zustand. Auch wenn wir am unteren Ende des Schemas kaum noch Überblick über die Verflechtungen erhalten können, so widerspricht das nicht der ontologischen Disziplinenlandschaft, denn schließlich partizipiert jede Disziplin grundsätzlich auch vom Teilwissen anderer.


6.2 Allgemeingültigkeit [Inhaltsverzeichnis]

Als Nächstes ist festzustellen, dass nach »unten« mit steigender Komplexität auch eine Abnahme der Allgemeingültigkeit und damit einhergehend der Übertragbarkeit eintritt. Das bedeutet: Allgemeingültigkeit ist ein Attribut der Übertragbarkeit oder der Mächtigkeit an allgemeingültiger Relevanz für anderes. Die Mathematik ist letztlich erkennbar die allgemein gültigste Grundlagendisziplin für alle anderen: aus dem naturwissenschaftlichen Bereich, aus dem Bereich der geisteswissenschaftlichen Disziplinen und wie wir unten noch erkennen werden auch für die noch fehlenden systemwissenschaftlichen Disziplinen. Damit kann, und das ist auch sinnreichend, die Mathematik nicht zu den naturwissenschaftlichen Disziplinen kategorisiert werden, sondern steht an allgemeingültigster Position im Bereich der Strukturwissenschaften bzw. Strukturdisziplinen. Diese Position wird im Folgenden weiter verdeutlicht. Die auf der Mathematik basierende Physik im nun naturwissenschaftlichen Bereich kann das schon nicht mehr in vollem Umfang leisten, wie das oben aus den Schemata hervorgeht. Sie kann nur noch für den Rest des naturwissenschaftlichen Bereichs die allgemeinste Grundlage sein. Das Gleiche gilt für die Logik als nur noch allgemein übertragbare Grundlage für den Rest des geisteswissenschaftlichen Bereichs. Allgemeingültigkeit und Übertragbarkeit bedingen sich also gegenseitig.


6.3 Vollständigkeit [Inhaltsverzeichnis]

Zur Allgemeingültigkeit und Übertragbarkeit ergänzt sich noch das Attribut der Vollständigkeit. Vollständigkeit bedeutet hier nicht: vollständige innerdisziplinäre Quantität, sondern eher im Gegenteil grundlegende Einfachheit ohne spezifisch zuordnende gültige Entitäten. Der Begriff »Vollständigkeit« ist hier auf den interdisziplinären Bereich bezogen und bedeutet, dass eine bestimmte mathematische Aussage in einer oder mehreren andern Disziplinen zu keinen Widerspruchsmomenten führt und es bedeutet nicht, dass alle Disziplinen auch alle mathematischen Zusammenhänge nutzen müssten. Beispielsweise besitzt die syntaktische Regel des Multiplizierens eine unspezifische allgemeine und deshalb übertragbare Gültigkeit, die auch dann gilt, wenn eine bestimmte Disziplin diese Regel nicht verwendet oder benötigt. Wenn sie aber Verwendung findet, dann darf sie keiner der verwendenden Disziplinen eine andere innere Richtigkeit offenbaren; es gilt: 2 · 2 = 4, egal wie und wo!

Die Mathematik nun bietet deshalb vollständig den zureichenden epistemischen Grund für alle anderen Disziplinen auf unspezifischen syntaktischen Regeln und Modellen basierend. Die Physik oder die Logik können diese(!) Vollständigkeit so schon nicht mehr leisten und das nicht, weil sie es nicht könnten, sondern weil sie dann selbst in der Mathematik aufgingen, weil sie ihre Spezifität verlieren und sich von der Mathematik nicht mehr abgrenzen könnten. Das ist demnach eine grundlegende und unabänderbare existenzielle Zustandbedingung, die die Physik zur Physik und die Logik zur Logik etc. machen. Es ist also eine notwendige Bedingung für Vollständigkeit und damit für Allgemeingültigkeit, dass der Thesen- oder Wissensumfang an keiner Stelle spezifischen Bezug nimmt bzw. aus nur spezifischen speziellen Erscheinungen induktiv abgeleitet wurde und somit ohne Widerspruchsmomente übertragbar ist. Nur so kann er vollständig oder neutral für alles andere gelten. Das wiederum widerspricht nicht dem Umstand, dass bestimmte Disziplinen nur bestimmte Anteile daraus nutzen. Die Mathematik als bestes Beispiel der allgemeinsten aller Disziplinen ist in diesem Status kein Bringschuldner und das gilt auch für alle Disziplinen in jeder Ebene, die ihr Wissen an noch spezifischer gültige Disziplinen allgemein vererben (können). Immer ist es die erbende Disziplin, die das Wissen als Holschuldner in Teilen verwendet. Es kann der Mathematik also »egal sein«, wie sie verwendet wird (Neutralität), solange sie für alle Nachkommen einen verwendbaren Wissensvorrat beherbergt, der keine spezifisch abgeleitete oder ausgerichtete Aussage in den mathematischen Syntaxen, Thesen und Modellen macht. Das ist die Voraussetzung von Vollständigkeit und Widerspruchsfreiheit in der erbenden Disziplin.


6.4 Spezifität [Inhaltsverzeichnis]

Mit der Abnahme an Allgemeingültigkeit, Vollständigkeit und Übertragbarkeit geht weiterhin die Zunahme an Spezifität einher. Das wiederum bedeutet, dass sich eine Disziplin relativ zur allgemeineren nur noch um spezialisierte Bereiche und Erscheinungen kümmert und in ihrem Thesenvorrat spezifisch gültige Zuordnungen auf Entitäten definiert, die in dem betrachteten ontologischen System existieren. Ergo sind diese Disziplinen nicht in der Lage generell widerspruchsfreie oder sinnvolle Verwendung in benachbarten Disziplinen zu finden, die die gleiche ontologische Entität aus einem anderen Betrachtungswinkel »sehen«. Im Extremfalle können sich spezifische Thesen, bezogen auf eine bestimmte Erscheinung aus zwei Betrachtungsbereichen, auch grundsätzlich widersprechen. Oder eine für eine bestimmte Disziplin wichtige Entität ist aus dem spezifischen Betrachtungswinkel einer anderen Disziplin keine erklärungsnotwendige Entität. Das bedeutet nicht, dass diese Thesen deshalb falsch sind, sondern nur, dass in Bezug auf das jeweils spezifisch andere Wissenssystem (dort!) ein Widerspruchsmoment auftritt, wenn man die/eine passende richtige Aussage aus der inneren Realitätsausprägung der eigenen Disziplin in die fremde innere Realitätsausprägung einer anderen Disziplin projiziert. Das ist der Urgrund von Widerspruchsmomenten. Es ist ja nicht die betrachtete ontologische Erscheinung, die falsch ist oder ein Widerspruchsmoment in sich trägt, sondern nur die jeweiligen Interpretationen im Umfeld der jeweils anderen Disziplin. Dieser Umstand ist sehr wichtig und führt zur These des Eindimensional codierten Denkens (siehe Navigationsleiste => »Thesen« => »8. wir denken zu eindimensional«), der hier nicht weiter ausgeführt werden soll [15]. Diese typischen Widerspruchsmomente treten nur in den menschengemachten Interpretationen auf! Eine allgemeinere und deshalb vollständigere übertragbare Disziplin ist also per se nicht in der Lage spezielle Interpretationen unmittelbar abzuleiten und in ihrem Thesensystem zu bevorraten. Diese sind erst mit einem Thesensystem möglich, das spezifische Thesen portiert und deshalb ein spezialisiertes Disziplinensystem ist. M.aW: Was nutzt die medizinische Kenntnis in der Elektronik obwohl beide letztlich auf der Physik und darüber hinaus auf der Mathematik basieren. Trotzdem ist jede der beiden Disziplinen genötigt ihre Thesen auf den gleichen allgemeineren Modellen aufzubauen, ohne dass sie ihre disziplinär betrachteten Erscheinungen spezifisch nicht erfassen könnten, und: jede ist in sich völlig richtig. Spezifität geht also einher mit der Gefahr von Widerspruchsmomenten, wenn man nicht systemisch differenziert und damit eine Realitätsausprägung gegen die/eine jeweils andere aufwiegt. Hinzu kommt, dass wir Menschen genau dann, wenn wir nicht überzeugen können, paradigmatisch dazu neigen unserer Sprache einen überhöhten Realitätswert zu unterstellen. Sprache wird dann als Schwert verwendet, wobei man froh sein kann, wenn sich solches Tun auf die Sprache beschränkt. Das aber ist auch als zentralistisches Denken einzuschätzen: Wir glauben, dass unsere Sprache einen primären Realitäts- und Wahrheitwert innehat, die uns als Wesen zu höherer Potenz über die Natur zu stellen vermag. Das damit in Zusammenhang stehende grundsätzliche Problem soll nun erläutert werden und zeigen, was die/unsere Sprache, entgegen dem paradigmatischen Allgemeinverständnis, eben nicht ist!


7. Drei grundlegenden Sprachprobleme [Inhaltsverzeichnis]

Weiterhin ist festzustellen, dass mit der Zunahme an Spezialisierung oder auch zunehmenden Einschränkung auf spezifische Betrachtungsbereiche eine Zunahme von interpretierender Sprache festzustellen ist und das hat eine wichtige erkenntnistheoretische Konsequenz: Mit der Zunahme an Sprache geht unmittelbar umgekehrt die Verfügbarkeit an Modellen verloren und es nehmen feststellbar auch die innerdisziplinären Widerspruchsmomente zu, was sich zwangsläufig zueinander bedingt. Fehlt ein Modell, dann braucht es sehr viel mehr interpretierende Sprache. Was bedeutet das?


7.1 Problem 1: Mittelbarkeit [Inhaltsverzeichnis]

Sprache hat in der Kommunikation einen entscheidenden Nachteil: Sie ist am weitesten von der erfahrbaren Erscheinung, die es zu verstehen gilt, entfernt! In dem System der »Realität vor unseren Sinnen« ist eine Entität seiend, die wir ontologisch (primär) als Erscheinung wahrnehmen und epistemisch (sekundär) verstehen wollen. Das sekundäre Verstehen ist dabei schon eine erste, eben sekundäre Mittelbarkeit, die im Vorfeld einer akzeptablen Theorie notwendig über aufzustellende Hypothesen und induktive Theorien und Modelle darüber führt. Diese müssen wiederum notwendig zur ontologisch wahrgenommenen Erscheinung kongruent sein, damit es nicht aus Mangel oder Überbestimmtheit zu Widerspruchsmomenten kommt. Haben wir dann endlich sekundär ein Modell darüber, dann müssen wir das kommunikativ auch dokumentieren, interpretieren und weitervermitteln können. Dazu benötigt es tertiär die Sprache.

Der österreichische Soziologe und Philosoph Paul Watzlawick (1921-2007) schrieb einmal dazu (Ergänzungen des Autors in eckigen Klammern!): »... und wenn die Wirklichkeit [in unserer Wahrnehmung!] selbst eine Fiktion ist, dann wird die Literatur [also die sprachliche Umsetzung], ... zur Beschreibung einer Beschreibung, und die Literaturforschung zur Beschreibung einer Beschreibung einer Beschreibung [16]

Diese Feststellung kann man nun übersetzen zu: Wenn wir über einen Anteil der »Realität vor den Sinnen« in der inneren Wirklichkeitsausprägung unserer Wahrnehmung ein Modell bilden, dann ist dieses Modell schon eine sekundäre »Beschreibung« der primär wahrgenommenen Erscheinung, denn einen unmittelbaren Zugang zur »Realität vor den Sinnen« gibt es grundsätzlich nicht. Wenn wir das Modell dann tertiär in Sprache fassen, um dieses zu konservieren und an andere zu vermitteln, dann ist das eine »Beschreibung der Beschreibung einer Erscheinung«. Und wenn wir dann auch noch anfangen das Gesprochene oder Geschriebene selbst zu analysieren und zu interpretieren, wie es die universitäre Philosophie bei der Interpretation der altvordern Denker gerne tut, so befassen wir uns »quartär mit einer Beschreibung (sprachliche Deutungsanalyse) der tertiären Beschreibung (verbale Thesen, Definitionen, Interpretationen, etc.) der sekundären Beschreibung (ein Modell oder zumindest vorsprachliche Hypothesen im Sinne von intuitiven zugänglichen Vorstellungen) einer primär empfundenen Erscheinung«. Mit jeder Schnittstelle zur nächsten Beschreibungsebene entfernen wir uns umso weiter von der eigentlichen mental repräsentierten Erscheinung. Kaum jemandem ist das in der Tiefe der Konsequenz bewusst in dem Sinne, dass man immer versuchen sollte wissenschaftlich so nahe als möglich an der primären Erscheinung zu sein und das ist nun Mal das Modell vor der Sprache, so ein solches überhaupt möglich ist. Aber auch wenn ein Modell (noch) fehlt, so bleibt der Sprache grundsätzlich nur die tertiäre Position der Beschreibung einer sekundären Ebene der intuitiven vorsprachlichen Hypothesen oder Vorstellungs- bzw. Verstandesempfindungen über die primäre mentale Repräsentation der ontologischen Erscheinung, die nebenbei bemerkt ihrerseits schon eine konstruierte Wahrnehmung des Gehirns nach der »Realität vor den Sinnen« ist, wo sich die Entität »befindet«, die zur sinnlichen Wahrnehmung führt.

Differenzierung der Stufen des Bewusstwerdens

Systemische bzw. systemtheoretische Differenzierung der Stufen des Bewusstwerdens

Das hier gezeigte Modell des Bewusstwerdens basiert auf dem zureichenden Grund einer ausreichend verifizierbaren Systemtheorie, die selbst in ihrer Disziplin der Systematik der Falsifizierbarkeit unterliegt. Sie stützt grundlegend den sinnreichenden Vollzug des systemtheoretischen Differenzierens, der mittlerweile auch aus extrem vielen Indizien aus den unterschiedlichsten Disziplinen, der Neurologie, der analytischen Philosophie und des Konstruktivismus, um die aussagekräftigsten zu nennen, unterstützt wird. Dieses systemtheoretische Differenzieren führt definitiv nicht zur Widerlegung falsifizierbaren Einzelwissens, sondern nur zur soweitigen analytischen Zerlegung der Erscheinungen (hier die Bewusstwerdung), dass man sehr viel sicherer auf richtige und sinnreichende Zusammenhänge zu ontologischen Erscheinungen schließen kann, die unsere Weltwahrnehmung insgesamt ausmachen.

Wir Menschen sind deutlich in der Lage auch ohne Sprache bzw. ohne Notwendigkeit zur Verbalisierung auf rein assoziativem Verstehen von inneren Modellen eine Erscheinung zu verstehen oder deren Theorie anzuwenden um deduktive Aussagen für das zukünftiges Verhalten der betrachteten Entitäten zu erhalten. Wissen bedeutet nicht notwendig »in Sprache gefasstes Wissen«! Auch Modelle, Bilder, Formen, syntaktische Regeln, etc., sind ohne Sprache, so man sich diese durch die Sprache erst einmal angeeignet hat, zu verstehen und anzuwenden. Jeder der Autofahren kann, weiß, dass er das kann, ohne Notwendigkeit des andauernden verbalen »Vorbetens« der Verkehrsregeln. Wer denkt denn bewusst »rechts vor links« an einer entsprechenden Kreuzung und macht es dennoch richtig. Dieses Beispiel zeigt den sehr viel primäreren Charakter von nonverbalem Wissen, da beim Autofahren nur die erlernten Regeln als Modelle des Verhaltens repräsent sind. Und selbst wenn man es sich jedes Mal »vorbetet«, so wie es Fahranfänger natürlich tun müssen, bis sie die Eleganz konditionierten Verhaltens erlernt haben, so steht aber dennoch viel primärer »unter« der Verbalisierung immer noch die grundlegende/re Regel, die das Verhaltensmodell letztlich bestimmt und die lediglich portierbar in Sprache gefasst wurde. Genau hier muss notwendig Sprache und deren Bedeutungsaussagen differenziert werden von den betrachtbaren ontologischen Tatsachen. Ein oft unterschätztes Problem, das den kollektiven sprachlichen Unverstand offenbart, wenn Bedeutung und Erscheinung als identisch erachtet werden. Der tiefere Sinn von »A vor B« im Sinne deduktiver Verlässlichkeit auf andere Verkehrsteilnehmer ist intuitiv erfahrbar und nachvollziehbar und dazu benötigt es die Sprache nach(!) dem Erlernt-Haben grundsätzlich nicht! Oder wenn ein Entwickler elektronischer Schaltungen an einer bestimmten Stelle in seiner Schaltung einen Transistor einsetzt, so tut er das nicht durch innerlich verbalisierende (sich selbst vorgesprochene) Bewusstwerdung (da hätte er viel zu sprechen!), sondern weil er die Funktionsweise eines Transistors, einmal sprachlich erlernt, in einem physikalisch-elektronischen Modell an erfahrener Eigenschaftenrepräsentation intuitiv und assoziativ in sich trägt. Dieses Modell repräsentiert den Transistor als Verhaltenselement im weiteren Umfeld der Schaltung viel unmittelbarer und damit effizienter.

Wenn die Sprache also eine Primärbedingung von Verstehen und Wissen wäre, so wären Lebewesen nicht existenzfähig, Taubstumme nicht in der Lage Kategorien über das erlebbare Sein zu bilden, zu Lernen oder Auto zu fahren, u.v.a.m. Das soll den wichtigen Stellenwert der Sprache als Kommunikationsform auf keinen Fall schmälern, denn auch die Sprache selbst ist als solche eine auf syntaktischen Regeln basierende Fähigkeit und damit eine Disziplin die auf darstellbaren Modellen basiert, aber ihr Stellenwert wird öffentlich extrem stark überzeichnet. Und da wir richtig(!) sprechen lernen ohne die Grammatik als Modell des richtigen Sprechens zu kennen, zeigt das schon die tiefe Fähigkeit von Kleinkindern im vorsprachlichen Umfeld Kategorien zu erkennen und zu unterscheiden um daraufhin innerlich modellierte Vorstellungen, also Modelle, zu bilden und abzulegen, die als »sprechen« anwendbar sind. Die Grammatik ist demnach auch erst einmal ein (komplexes) Syntaxmodell, das wiederum durch Sprache als Sekundärvermögen weitervermittelt werden kann. Hat man sie einmal (beim Lernen einer fremden Sprache mit ganz anderer Grammatik) verstanden, dann braucht man es sich nicht innerlich andauernd vorzusprechen um richtig sprechen zu können.

Und das alles basiert auf dem vorgezeigten Modell, das auch hier durch niedergeschriebene Sprache vermittelt werden soll. Hat man es einmal verstanden (unter der Bedingung, dass es auch verstanden werden will), dann benötigt man die Sprache nicht mehr um auch dieses Modell in sich zu tragen und beim Denken entsprechend der sinnreichenden Konsequenzen einbeziehen zu können.


7.2 Problem 2: Abhängigkeit [Inhaltsverzeichnis]

Ein weiterer, sehr entscheidender Nachteil von Sprache ist ihre grundsätzliche Abhängigkeit vom jeweiligen Träger, womit die gesprochenen Thesen für Andere erlebbar sehr schnell ins Subjektive abdriften. Wir alle kennen die zunehmenden Verstehensprobleme zwischen einerseits zwei Personen aus der gleichen Familie bis hin zu zwei Personen aus einem völlig anderen Kulturkreis. Sprache ist ein extrem stark von der Weltsicht und der Wirklichkeitswahrnehmung abhängiges System. Sprache entwickelt und wandelt sich mit dem Werdegang der Kultur und den gesellschaftlichen Weltsichten. Umgekehrt beeinflusst die momentane Sprache auch die weitere kulturelle Entwicklung und die gesellschaftliche/n Weltsicht/en in bilateraler Weise. Gesprochene Argumente, so sie rational und objektiv wirken sollen, müssen der Logik folgen, wie das oben im geisteswissenschaftlichen Bereich dargestellt ist. Wie wir alle wissen, ist das realistisch gesehen schier unmöglich, auch wenn man noch so aufpasst.

Wir alle würden uns wünschen, dass die Sprache rein logisch verwendbar wäre, also auf reinen logischen Syntaxen und nicht-subjektiven Regeln aufbauen würde. Dann aber würde unsere Sprache sehr geschraubt und unelegant wirken. Rein disziplinär gesehen beruht die Sprache natürlich auch auf der Logik, wie das oben im geisteswissenschaftlichen Disziplinenbereich dargestellt ist. Diese Logik wird u.a. von den Vier logischen Denkgesetzen disziplinär erfasst, die schon auf den griechischen Philosophen Aristoteles (384-322 v.d.Z.) zurückgehen. Es sind die Gesetze, welche die gleichbleibenden Formen bestimmen (sollen), in denen sich unser Denken vollzieht. Den Denkgesetzen schließen sich dann die zahlreichen Gesetze der Kategorienlehre, der Lehre vom Begriff, vom Urteil und des Schlusses sowie der Methodenlehre u.a. an. Alle diese sind Normen des Denkwillens und die allgemeinsten Bedingungen des Erkennens, sowohl im Empirischen als auch im Spekulativen. Sie gleichen den Naturgesetzen darin, das sie die Gleichmäßigkeit des Geschehens zum Ausdruck bringen, während demgegenüber den juridischen und moralischen Gesetzen, welche freien Persönlichkeiten lediglich als Postulate eine Verpflichtung auferlegen, nicht natürliche Notwendigkeit innewohnt. Wenn unsere Sprache grundsätzlich und ausschließlich diesen Gesetzen folgen würde, dann und nur dann wäre die/unsere Sprache kritiklos »an Modell statt« objektiv akzeptierbar (siehe: Mittelbarkeit). Da aber die Menschen durch Gefühle, Vorurteile, Motive, Paradigmen, Dogmen und Mythen etc. vielfach in ihrem Denken beeinflusst sind - und ferner aus Unwissenheit, Nachlässigkeit, Egoismus, Glaube, egozentrischer Subjektion, (nationalem oder gesellschaftlichem) Zentralismus und Mangel an Methode - falsche Begriffe, Urteile und Schlüsse bilden, so werden die Denkgesetze, obwohl sie eine hohe Affinität zu den Naturgesetzen haben, keineswegs immer befolgt und erleiden Ausnahmen, wie es die Modelle und syntaktischen Regeln aufgrund ihrer objektiven Erstnähe zu den ontologischen Naturgesetzen nicht erleiden. Damit ist Sprache immer auch Träger und untrennbarer Ausdruck spezifischer persönlicher und gesellschaftlicher Wahrnehmung und geht mit dieser innig einher.

Und so befinden sich Wissenssysteme wie ein/unser Wertesystem in einer extrem schwierigen Situation: Sie basiert auf keinem wirklichen Modell, sondern ist nur durch Sprache primärdisziplinär vermittelbar. Damit ist aber auch das/unser Wertesystem sekundär durch die/unsere Kultur und die kollektive Weltsicht der vertretenden Gesellschaft geprägt. Genau deshalb ist bislang jeder Versuch, einer anderen Kultur ein, aus unserer Sicht, hinsichtlich Humanität, Toleranz und von Respekt getragenes, vermeintlich besseres Wertesystem zu vermitteln dadurch gestört, weil sich hinter der bisher einzigen Möglichkeit rein sprachlogischer Argumentation immer auch und zwangsläufig die kulturkonditionierte Sprache und damit die andere Kultur selbst niederschlägt, die nicht die des Hörenden ist. Warum sollte z.B. ein Taliban, der seine Frau aus der eigenen kollektivkulturellen Überzeugung in völlig rechtloser Situation regelrecht »hält«, dieses/unser Wertesystem annehmen, wenn es sich aus seiner Sicht eben nicht aus der Umklammerung fremdkultureller Wahrnehmung und Weltsicht ablösen lässt. Aber: keine andere Kultur, so auch kein Taliban, würde jemals ein Widerspruchsmoment zu uns erfahren, wenn es darum geht 2 und 2 zu 4 zu multiplizieren. Warum wohl?: Weil die Mathematik auf einem von menschlicher Einstellung unabhängigem Modellsystem beruht, das diese Disziplin von fremdkultureller Argumentationsausprägung entkoppelt.

Je weiter also eine Erscheinung, und das Wissenssystem »Wertesystem« ist (für z.B. einen Taliban) auch eine ontologische Erscheinung, die er konfrontiert wahrnimmt (wenn auch nicht »wahr«-nimmt!), nur durch rein sprachlogische Zusammenhänge definiert und vermittelbar ist, um so willkürlicher und nichtobjektiv erscheint uns Menschen diese. Das Einfordern der universalen Leitgültigkeit eines solchen Wissenssystems oder gar in den Religionen von heiligen, zumal der Falsifizierbarkeit entzogenen, dogmatischen Wahrheiten ist damit immer eine einseitige selbstbezogene (Schein-)Wahrheit, die genau dadurch für Andere oder anders Wahrnehmende so problematisch erscheint.


7.3 Problem 3: Effizienz [Inhaltsverzeichnis]

Das dritte grundlegende Problem bei der Sprache ist das Informationsdichte- oder Effizienzproblem. Sprache portiert Information. Nun gibt es aber keine einfache Möglichkeit analytisch festzustellen, mit wie wenigen Worten eine These hinsichtlich ihrer Informationsdichte darin optimal portiert werden kann und sie lieber Leser erkennen schon mein Bemühen, genau das zu tun um sie a) nicht mit zu großem Umfang dieser Abhandlung zu überfordern und b) aber auch eine eindeutige und weitestgehend vollständige Information aus einem quantitativ komplexen Problem rüberzubringen. Diese beiden Forderungen sind extrem vom Bildungsumfang eines Lernenden abhängig und widersprechen sich. Je weniger Worte man benutzt um eine gleiche Information zu äußern, umso schwieriger wird es diese Information für alle verständlich auszudrücken. Dieses Qualitäts-Quantitätsproblem lauft immer auf einen Kompromiss hinaus. Komplexe Zusammenhänge einwandfrei zu vermitteln bedeutet in den Wissenschaften (leider!) nicht umsonst das Heranziehen von Fremdworten, die mit einem Wort in der Lage sind einen ganzen Otto-normal-Verstehenden-Satz treffend zu ersetzen. Soll das in einem ganzen Satz erklärt werden, so führt das ganz schnell gerade bei Otto-Normal-Verstehenden auf des vorstehende zweite Sprachproblem der Abhängigkeit vom Spracheträger des Aussagenden, weil sich zunehmend dessen Weltsicht darin widerspiegelt.

Die Folge davon sind oft sehr unübliche, geschraubt klingende Formulierungen. Auch wenn das so manchen vielleicht abstößt, was bestimmt nicht meine Intension ist, so zeigt aber genau hier wieder die Mathematik den tiefen Wahrheitskern dieses Problems. Die geschraubt klingenden Beschreibungen aus der Mathematik sind bestimmt bekannt und werden nicht umsonst so verwendet. Ein Beispiel aus dem Bereich »Gewöhnliche Differenzialgleichungen: »Es sei eine Randwertaufgabe selbstadjungiert (von lateinisch »adiunctio«: Anknüpfung) genau dann, wenn die Bedingungen L = L* und f0(a) det B - f0(b) det A = 0 notwendig und hinreichend sind.« Die Mathematik zeigt damit den qualitativ hochwertigen notwendigen Rest an Formulierung um das zu beschreibende Problem auf einen besten Nenner an Informationsdichte ohne menschliche Weltsicht zu bringen.

Es gibt natürlich noch mehr erkenntnistheoretisch grundsätzliche Probleme mit der Sprache, wenn man sie als Disziplin versteht. Z.B. kann man aus Prinzip niemals mit einem endlichen Umfang an Sätzen eine für alle Menschen vollständige Aussage machen. Grundsätzlich wird es für den Hörenden immer möglich sein eine Schwäche oder Ungereimtheit festzustellen, die man kritisieren kann. Genau das ist das Terrain der glaubensbasierenden Weltsichten. Wenn die Religionen so, wie von ihren Vertretern unterstellt, den heiligen Wahrheiten folgend, absolut richtig sind/sein sollen, warum dann die Probleme und auch innerreligionistischen (nicht »innerreligiösen«, das ist differenzierbar etwas anderes!) Widerspruchsmomente? Warum die Dogmen und Denkverbote?! Was einerseits für die Religionsvertreter ein Fluch ist und einen überwältigenden ineffizienten Formulierungsaufwand einfordert, ist aber auf der anderen Seite der Segen, weil dadurch niemand wirklich an den Immunisierungsstrategien und heiligen, also unantastbaren Wahrheiten vorbeikommt, denn man kann eine »n-Aussagen + 1«-Kritik immer wieder wechselweise mit einer »n + 2«-These bis ins Unendliche übertünchen. Und so werden die offenbaren Widerspruchsmomente in und zu den Religionen seit über 2000 Jahren argumentiert und denkverboten und argumentiert und denkverboten und argumentiert und denkverboten ...!


8. Sprache versus Modell [Inhaltsverzeichnis]

Modelle sind in der Lage die/eine interpretierende Sprache grundsätzlich zu ersetzen und die Sprache auf ihren reinen angestammten Platz der Kommunikation und Informationsübertragung zu belassen. Sprachunabhängige Modelle erfüllen die größtmögliche Nähe zu einer wahrgenommenen Erscheinung, die es zu erfassen gilt, da sie keinen Ballast an Kultur- und Weltsichtenprägungen tragen.

Der Urgrund von Sprache ist erst einmal Kommunikation und damit einhergehend auch das Übertragen von Aussagen und Wissen. Hierbei ist sie aber als reine Sekundärfähigkeit aufzufassen, damit man sich das Wissen erschließen kann. Fehlt sie, z.B. bei Gehörlosen, dann bedingt das nicht die Unmöglichkeit Wissen zu vermitteln, wenn auch aufwendiger. Generell aber wird das um so einfacher, je mehr sich das zu Vermittelnde auf darstellbaren Modellen, syntaktischen Regeln oder sonstigen Darstellbarkeiten gründet, die dadurch, weil von denn genannten Sprachproblemen unabhängig, grundsätzlich einsichtig sind. Hat man sich das Wissen erschlossen, so benötigt man die Sprache nicht mehr. Man hat das Gelernte verstanden und kann es anwenden, ohne die Sprache erneut zu bemühen. Niemand verwendet beim Multiplizieren die ursprünglichen erklärenden Formulierungen des Lehrers aus der Grundschule, sondern wendet ausschließlich die modellaren syntaktischen Regeln an. Niemand würde sich beim Autofahren verbal in die Lage versetzen, den nächsten Gang einzulegen. All unser Verständnis und alle unsere Handlungen beruhen, so sie einmal erlernt sind, auf einem inneren konditionierten Verhaltensmodell, das zur Anwendung kommt. Wenn das nicht so wäre, dann wären wir nicht überlebensfähig, schon gar nicht der Gehörlose. Hier gilt die alte Regel: »Wenn der Seiltänzer über seinen nächsten Schritt nachdenken würde, dann fällt er vom Seil!« Sprache wird allgemein und historisch als das mit Abstand primärste voraussetzende Vermögen zur aktiven Lebensgestaltung angesehen. Gerade die alten Ägypter werteten die Sprache [altägytisch »sedjem«: hören] und die göttergegebenen heiligen Zeichen »Hieroglyphen« sowie die daraus verbundene Namensnennung einer Person als identisch mit der bzw. deren Existenz. Das mag so gesehen sogar richtig sein. Insgesamt aber, wenn es um das Ringen um Erkenntnis geht, funktioniert das nicht mehr kritiklos. Hier muss systemtheoretisch differenziert weden, weil das differenzierbar ist!

Gerade aus der Physik lassen sich Beispiele ohne Ende nennen, wo die verbalpotente sprachliche Überhöhung von uns Menschen, uns über oder neben die Natur der Dinge zu stellen, festzustellen ist. Die Physik, und hier differenzieren wir nun diese epistemische Disziplin gegenüber der ontologischen Weltwirklichkeit die sie zu erfassen sucht, vermittelt unbedarften Hörern allzu oft a) eine Identität zwischen Theorie oder schlimmer Hypothese und Erscheinung und b) eine/die angebliche, in Zukunft zu erreichende Vollständigkeit zur Welterklärung. Die Wenigsten bemerken, wie sehr diese unsere Wissensvermittlung durchdrungen ist von Zentralismus und subtilen Umkehrformulierungen wie z.B. »… das Newtonsche Gravitationsgesetz bzw. seine Gravitationskonstante bestimmt, wie sich zwei Planeten anziehen … (aha, Newton ist schuld)«, »… die Unordnung nimmt immer zu, weil der zweite Hauptsatz der Thermodynamik die Entropie beschreibt …(aha, der zweite Hauptsatz also macht’s)«, »… der Reibungskoeffizient folgt aus dem Gesetz der Reibung … (aha, die Reibungsstärke folgt aus dem Gesetz der Menschen)« oder »... das Auge funktioniert wie eine Kamera Obskura (sorry, aber das Auge war schon früher da)«. Polemisch ausgedrückt: »Ach ja, hätte Newton nicht seine Erkenntnisse in Formeln umgesetzt, dann könnten wir heute fliegen ohne so einen technologischen Aufwand treiben zu müssen.« Gesetze sind eben, mental in unserem Selbstverständnis sehr wohl richtig wahrgenommen, menschengemachte Definitionen. Interessanterweise ist dieses polemische Argument nicht weit von ernstgenommenen quantenphysikalischen Interpretationen entfernt. Auch die Physiker neigen innerhalb der physikalischen Teildisziplin/en oft zu esoterisch anmutenden Gedanken und uneleganten Hypothesen, z.B. die Interpretationen aus der Quantenphysik und der Kosmologie, speziell im Umfeld der Erforschung von Schwarzen Löchern, sog. Wurmlöchern, Multiversen und Zeitreisen, sind hinlänglich bekannt. Auch hier wird aus der klassischen Physik und der extremen Physik in Bezug auf Realität/en oft mit mehr als nur einer Seinsebene argumentiert. Die sog. Kopenhagener Deutung, die seltsame Deutung von Schrödingers Katze, die in einem Schwebezustand zwischen Tod und Lebendig über den Innenraum der Versuchskiste verschmiert sein soll oder gar, dass nur dann etwas in die Existenz tritt, wenn dieses Etwas beobachtet wird, u.v.a.m., sind einige Beispiele unserer, gegenüber der Natur der Dinge immer noch völlig überzogenen egozentrischen und zentralistisch geprägten Denkkultur. Hier entsteht bei den noch unbedarften jungen Hörern unbemerkt das falsche Einstellungsparadigma, dass wir Menschen mal wieder, über oder neben der Natur stehend, dieser vorschreiben können, wie sie zu sein hat, weil wir die Herrschaft zur Ausformulierung der Gesetze haben. Soll niemand behaupten, dass das keine erkenntnistheoretischen Konsequenzen im kollektiven Wissens- und Seinsverständnis hat, das sich bilateral in unserer Sprache niederschlägt.

All die hier beschriebenen Zusammenhänge und Probleme sind alltäglich leider ein erkenntnistheoretisches Unbekannt. Wenn Sprache aber in Ermangelung an Modellen zum primären Gegenstand der/einer Disziplin wird dergestalt, dass sie ohne zu differenzieren als identisch mit der vermeintlichen Erscheinung angesehen oder hingenommen und zu einem universalen Realitätsbrei vermengt wird, dann sind wir genau dort, wo nicht umsonst die meisten auch innerdisziplinären Widerspruchmomente auftreten: im Bereich der glaubensbasierenden Weltsichten, wo rationale Modelle gänzlich fehlen. Hierbei begründet sich der Glaube, egal an was, immer nur noch auf entsprechende Formulierungen. Alleine die oben beschriebene Tatsache der grundsätzlich weitesten Mittelbarkeit von Sprache zeigt gerade hier den sprachlichen Unverstand, wenn Bezeichner oder These mit dem Bezeichneten oder der Escheinung zusammen mit der Bedeutung oder im Glauben auch noch mit der »heiligen Wahrheit« zu einem universalen und vermeintlich unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit oder gar zur immanenten Realitätsausprägung einer Entität (ob es diese nun gibt oder nicht) vermengt wird. Das gesprochene Wort gilt hier an Realität statt oder wird sogar aus der eigenen Subjektion über die Realität gestellt: »Der Mensch ist das Maß aller Dinge!« und das ist einfältig und widersinnig. Kein Wunder, dass sich zweitausend Jahre religiöse Denkkultur auch in den o.g. Umkehrformulierungen in den rationalen Wissenschaften wiederfinden.

Lediglich im Bereich des Rechts und ähnlicher Disziplinen akzeptieren wir trotz der sprachlichen Absolutierung dieser Disziplinen den gesellschaftlich regelnden und konstruktiv modifizierenden Konsens. Aber wir wissen auch: Recht haben heißt nicht unbedingt Recht bekommen und genau diese Grenzen basieren auf den Sprachproblemen und der dort fehlenden Modelle. Und weiterhin: Die Tatsache, dass es auf dieser Welt weitere, u.a. auch das islamische Rechtssystem oder Rechtsverständnis der Schari’a gibt, zeigt die nicht absolutierbare Substanz von sprachbasierenden Disziplinen, denen ein von menschlich weltsichtiger Argumentation unabhängiges Modell nicht zur Verfügung steht.


8.1 Sprache und Modell in der Disziplinik [Inhaltsverzeichnis]

In der Mathematik nun basiert das Wissen fast gänzlich auf syntaktischen Modellen, die sich in Axiomen, Regeln, Formeln, zeichnerisch darstellbaren Gebilden, Grafen und Formen etc. ausdrücken. Deshalb ist sie nicht umsonst die allgemeingültigste und vollständigste übertragbare aller Disziplinen. Das rührt daher, weil sie die kongruenteste Disziplin der Wirklichkeit in unserer Wahrnehmungsausprägung ist. Alles was wir wahrnehmen können beinhaltet, wie oben schon beschrieben, eine/diese immanente Mathematischkeit, die durch die Mathematik weitestgehend von Sprache entkoppelt erfasst werden kann. Die interpretierende Sprache ist auf ein Minimum von sachlich objektiven und rationalen Aussagekonstrukten zu bestimmten Regeln reduziert. Genau das macht die Mathematik entgegen der Durchschnittsmeinung objektiv zur einfachsten aller Wissenschaften, da ihre modellaren Regeln ohne einen zusätzlichen Interpretationsbedarf oder gar einer Glaubensvoraussetzung nur zu lernen sind, wobei die Sprache nur die Kommunikationshilfe dazu bietet. Alles ist definiert und nichts fragwürdig (mal abgesehen von Randzonen, wo noch geforscht wird). Innere Widerspruchsmomente treten kaum auf. Damit ist die Mathematik frei von Glaube, Weltsicht und Kultur einer spezifischen Gesellschaft und deshalb allgemein akzeptiert. Das heißt im Umkehrschluss: Wenn man es schaffen könnte, die Ethik in Verbindung mit dem humansten aller Wertesysteme auf ein sprachunabhängiges Modell zu begründen (siehe hierzu die Systematik!!!), dann käme auch kein Taliban an diesem sinnreichenden Denken und Verhalten vorbei; es sei denn er dogmatisiert sein eigenes Denken weiterhin und lehnt Aufklärungsbereitschaft grundsätzlich ab, das aber wäre dann äußerst unklug, weil er dann in sich selbst im Widerspruch existieren müsste.

Die nächste Disziplin zur Mathematik ist, wie gezeigt, die Physik. Hier ist es schon etwas schwieriger ohne Interpretation und Sprache auszukommen. Physikalisch basierende Weltsichten haben nicht selten in der Historie politischer Systeme dazu geführt, dass bestimmte Erkenntnisse zum starken Politikum wurden oder gar als »Chefsache« unterbunden wurden. Als wenn man durch bloßes Denkverbot und Gegendarstellung eine Tatsache aus der Welt reden könnte?! Bekannt ist u.a. das Widersprechen zur Relativitätstheorie Einsteins als »jüdische Wissenschaft« im Nazideutschland (als wenn Wissenschaft und Richtigkeit eine Beliebigkeit wäre) oder auch die Realismusdebatte unter Stalin. Auch der Vatikan hat sich schon immer eingemischt und versucht die (wie wir heute wissen) ontologische Richtigkeit erkannter Zusammenhänge (z.B. die Jupitermonde) durch Denkverbote und Inquisitionen aus der Welt zu schaffen. In der Mathematik wäre das kaum möglich und wurde in spezifischem Zusammenhang auch nie als nötig befunden.

Viele physikalische Modelle, die eben spezifisch physikalisch sind, was nachgerade diese Disziplin von der allgemeineren Mathematik abgrenzt, sind zwar auch noch relativ stark modellar, aber in der Physik gibt es, wie bekannt, schon mehr Zusammenhänge, die ohne eine sprachliche Grundlage oder Ergänzung nicht auskommen. In der Physik gibt es schon deutlich mehr Bereiche, die nur durch die beschreibende Sprache als primärdisziplinärer Modellersatz zu erfassen sind. Insgesamt fallen hier erste Bereiche auf, die ob ihrer Fragen und inneren Widerspruchsmomenten sehr diskurswürdig sind und genau das ist Ausdruck der nun schon zugenommenen Spezialisierung. Man kann grundsätzlich nicht behaupten, dass die Physik irgendwann einmal alles auf Modelle beziehen kann, denn dann wäre sie als Teil in der Mathematik aufgegangen, da sie dann nur noch aus syntaktisch modellaren Regeln besteht. Solange sie aber als von der Mathematik abgrenzbare Disziplin dasteht und einen nur eingeschränkten Bereich allen Seins erfasst, wird sie deshalb definitiv damit existieren müssen.

Nimmt die Spezialisierung nach »unten« nun noch weiter zu, dann setzt sich auch dieser Zustand weiter fort, Z.B. die Biologie besteht aus einem schon sehr großen Anteil an interpretierender definierender Sprache und einem reduzierten in dieser Hinsicht weniger potentem Modellvorrat. Auch hier wird bis heute (wie traurig und widersinnig!) das Ablehnen und Aus-der-Welt-Reden der Evolutionstheorie Darwins versucht. Gerade durch die radikalen Evangelisten (den sog. Kreationisten und Intelligent-Design-Anhängern), die den Islamisten mit diesem Verhalten (abgesehen von Selbstmordattentaten) zumindest verbal in nichts nachstehen. Wen wundert’s?: Wieder mal der exzessive Glaube vor Aufklärung und Erkenntnis, und das soll human und menschlich sein? Einfältiger und dümmer geht’s eigentlich nicht! Diese Situationen, die Möglichkeit Richtigkeiten und Wissen zu zerreden, gehen unmittelbar mit der verringerten Verfügbarkeit an Modellen und der Zunahme von Sprachgewichtung einher. Man kann diese Zunahme auch daran ermessen, wenn man in eine Buchhandlung geht: Das schmalste Regal ist die Mathematik und zunehmend bis zur Medizin letztlich das breiteste Regal um bei diesem Hauptast zu bleiben. Bei den anderen Ästen ist das genauso, man denke nur an das Recht oder die Philosophie, etc.

Kommen wir nun zu den Disziplinen, wo kaum noch Modelle zur Verfügung stehen. Man findet hier nicht umsonst die größte Menge an Büchern und verfassten Schriften mit ihrem diskursivem Für und Wider. Sprache ist hier nun, in grundsätzlicher Ermangelung an modellarer Grundlage, zum totalen primären Träger und zum Modellersatz der Disziplin geworden. Genau hier eröffnet sich der grundlegende erkenntnistheoretische Zusammenhang! Mit der zunehmenden Primärgewichtung der Sprache nehmen auch die inneren disziplinären Widerspruchsmomente zu und das ist kein Wunder ob der oben beschriebenen drei systemimmanenten Grundsatzprobleme, die die Sprache nun mal hat. Wir sind im Disziplinenbereich der Religionen und glaubensbasierenden Wissenssysteme angelangt. Die vorstehend beschriebene Situation ist hier typisch. Glaube steht vor Aufklärungsbereitschaft und Wissen und alles ist durch subjektive Weltsichten, Kulturprägungen und Subjektion sprachlich chaotisiert und durchwoben. Das öffnet dem sprachlichen Widersinn und der Beliebigkeit Tür und Tor. Objektivierende Modelle fehlen völlig. Und das alles, weil die hier vorgestellten Zusammenhänge der Sprachkritik kaum bekannt sind.

Wir alle kennen das Problem des verbalen Aufwandes, bis sich zwei kommunizierende Menschen ausreichend verständigt haben. Im Extremfall führt das zu Streit. Der Grund dazu sind die Widerspruchsmomente zwischen zwei Systemen »Mensch zu Mensch« aber auch/ bis hin zu »kulturelle Gesellschaft zu kulturelle Gesellschaft«. Niemand bemerkt, dass diese Differenzen menschengemacht sind aber nicht in den diskursiv betrachteten Erscheinungen selbst liegen. Denen ist das völlig egal. Es wird nicht zwischen den betrachteten ontologischen Erscheinungen und dem, was wir Menschen jeweils epistemisch davon halten, unterschieden bzw. systemisch differenziert. Dem einen schmeckt die Currywurst und dem anderen nicht, dabei ist es der Currywurst egal, dass sie uns Menschen nach Curry schmeckt oder der Kneifzange, dass sie kneift. Wir neigen überwiegend dazu den Bezeichner mit der Bedeutung und dem, was wir darüber sensorisch fühlen, denken und werten als identisch zu erachten. Das dahinter stehende, egozentrische Grundsatzverhalten ist im Alltag so extrem, dass wir im Letzten sogar die Worte in unserer Sprache als die Realität eines Dinges schlechthin werten, wenn wir seine Dinglichkeit benennen oder beschreiben. Unsere psychologische Einstellung und Selbstempfindung setzt das Wort mit »dem Ding an sich« gleich, ohne dass wir das bemerken. Wir neigen dazu den betrachteten Erscheinungen unsere individuelle, kultur- und sprachgeprägte innere Wahrnehmungswirklichkeit als »an-und-für-sich«-identisch aufzuerlegen. Auf dieser Basis blockiert man aus Prinzip jeden weiteren Erkenntnisgewinn und schafft im Grunde nur Konflikte!

Daraus folgt, dass nur dann eine Disziplin von allen anerkannt wird/ist, wenn sie von Sprache und damit von Kultur und Weltwahrnehmung unabhängig auf einem wertfreien, objektiven und logisch rationalen Modell basiert. Disziplinen und/oder Wissenssysteme nun, wie die Theologie, Religionen oder Weltsichten, aber auch Rechts- und ethische Wertesysteme etc., die keine oder nur schwache Modelle und nur die Sprache hier nun als primärdisziplinären Modellersatz zur Verfügung haben, bzw. die ihre eigene, innere, von der rein mathematisch basierenden Logik weitestgehend unabhängige Sprachlogik verwenden, portieren eben genau deshalb die stärksten Widerspruchsmomente in qualitativer und quantitativer Hinsicht. Die trilaterale gegenseitige und entwicklungstheoretische Abhängigkeit zwischen Sprache, der jeweilige Kulturausprägung und dem Weltverständnis führt zwangsläufig zu fehlender allgemeiner Akzeptanz oder im Umkehrschluss: Die im Modell nach »oben« zunehmende Entkopplung von Sprache, weil die Disziplinen »dort« zunehmend auf sprachunabhängigen Modellen basieren, macht diese nicht umsonst zu allgemein akzeptiertem disziplinärem Wissen. Gerade die Religion/en und andere auch esoterische Disziplinen zeigen, aus der Geschichte bis heute, sogar die gewaltigste Menge an grundlegenden inneren Widerspruchsmomenten und darauf basierend an offenen Fragen, die zumindest Außenstehende noch wahrnehmen, weil sie in diesen Disziplinen durch Dogmen und sog. heiligen Wahrheiten und den dadurch eingeforderten Denkverboten dem weiterführenden Prozess zu Erkenntnis enthalten werden (welch ein Widersinn!)!

Die tiefe Erkenntnis daraus ist, dass aus allen diesen Zusammenhängen in diesem hier vorgestellten Disziplinenschema eine echte Theorie wird. Man kann alle diese Zusammenhänge gemeinsam mit der empirischen Erfahrung aus dem historischen Werdegang unseres Wissens daraus ableiten und zu einem besseren Seinsverständnis verwenden, weil damit auch diese Theorie durch syntaktische Regeln auf dem/einem systemischen bzw. systemtheoretischen Modell basiert, das zugleich den »Zureichenden Grund« liefert und das sich durch das Disziplinenschema auf der Grundlage des o.g. Forderungskatalogs zeigt. Das Disziplinenschema soll die bestmögliche Kongruenz des tatsächlichen Zustands im interdisziplinären Bereich zeigen. Die nach »unten« zunehmenden Mengen an Komplexität, Sprachgewichtung, Widerspruchsmomenten und Spezifitäten, einhergehend mit der Abnahme an Modellverfügbarkeit und Allgemeingültigkeit, Vollständigkeit und Übertragbarkeit und last but not least die intergesellschaftliche allgemeine Akzeptanz in diesem Disziplinenbereich sollten sich die Vertreter der in diesem Sinne objektiv unwissenschaftlichen (weil dogmatischen und Falsifizierbarkeit ablehnenden) Wissenssysteme einmal wertfrei vor Augen halten, denn sie stellen eine wichtige grundlegende Erkenntnis dar, die unsere Existenz ethisch fairer und humaner zu gestalten in der Lage ist als jedweder einengender Glaube.


9. Der systemwissenschaftliche Disziplinenbereich [Inhaltsverzeichnis]

Kommen wir nun zum letzten noch fehlenden, dem systemwissenschaftlichen Disziplinenbereich. Wie sich zeigt, ist die hier vorgestellte Disziplinentheorie, so wie alles andere allen seienden Seins auch, ontologisch gesehen ursächlich systemisch bzw. epistemisch ausgedrückt systemtheoretisch organisiert bzw. unterliegt den systemtheoretischen Gründen, Regeln und Prinzipien. Sie ist selbst als disziplinäres Wissenssystem anzusehen und basiert in ihrer inneren Ausdrucksform ursächlich auf der Systemtheorie.

Durch diesen Gedanken wird (hier erneut) erkennbar, dass in der Disziplinenlandschaft noch etwas ganz Grundsätzliches zu fehlen scheint! Wie sich empirisch an allem erkennen lässt, ist das/alles Sein durch immer wieder gleiche systemische Prinzipien gekennzeichnet. Es fehlt also eine weitere explizit grundsätzliche, allgemeingültige Disziplin: Die Systemtheorie (kurz »Systematik« allen Seins), auf der, wie sich gleich zeigen wird, nicht nur die Disziplinentheorie (kurz Disziplinik) basiert!

Im Umkehrsinne benötigt die Systematik keine Disziplinik, sondern grundsätzlich die Mathematik auf deren syntaktischen Regeln sie wiederum aufbaut. Diese disziplinentheoretische Regel lässt den Anstammungsplatz im Disziplinenschema bestimmen. Die Systemtheorie, die hier zum tieferen Verständnis als zur Kenntnis genommen vorausgesetzt wird, zeigt auch hier wieder ihren tiefen und extrem vollständigen, weil allgemeingültig übertragbaren Charakter. Auch diese Disziplinentheorie belegt damit die große Kongruenz der Systemtheorie ein weiteres Mal. Wenn es denn so ist, und das lässt sich empirisch über all unser Wissen in Bezug auf alles seiende Sein zeigen, dass die Systematik diese grundsätzliche und prinzipielle Allgemeingültigkeit besitzt, dann muss auch sie als eigenständige Disziplin ihren Platz im Disziplinenschema haben. Das gleiche gilt für die Disziplinik selbst. Das folgende Schema zeigt nun alle Basisbereiche der Disziplinen im ergänzten Strukturzusammenhang:

systemwissenschaftliches Disziplinenschema

Es darf nicht vergessen werden, dass alle hier gezeigten Schemata gemäß den Punkten 8. und 9. aus dem Forderungskatalog selbstverständlich immer verbesserbar sind.

Dieses Schema zeigt nun alle drei Hauptäste der Disziplinenlandschaft: der geisteswissenschaftliche Ast beginnend mit der Logik, der naturwissenschaftliche Ast mit der Physik und rechts nun auch der systemwissenschaftliche Ast. Hier sind alle Disziplinen zu finden, die keinen weiteren Bezug haben, als die Erkenntnis- und Ordnungsaufgabe ihrer betrachteten Gegenstände und Erscheinungen.

Hier ist z.B. auch die Heuristik als Lehre wahre Aussagen zu finden oder dieSemiotik als die allgemeine Lehre von den Zeichen, Zeichenbedeutung, Zeichensystemen und Zeichenprozessen (Semiose) untergebracht, da sie bisher nur einen mehr oder weniger bezugslosen Stand in der Disziplinenlandschaft hatten. Aufgrund dieser Disziplinentheorie ist nun feststellbar, dass sie direkt nach der Systemtheorie anzuordnen ist. Ein weiteres Mal ist festzustellen, dass es Disziplinen gibt, die ohne die Systematik nicht recht zuzuordnen sind. Die grundlegende, mathematisch basierende Systemtheorie fehlt im öffentlichen Fokus als ausgesprochene Disziplin, die wesentlich mehr ist und kann, als nur ein soziologisches Anhängsel oder schöngeistige Ergänzung innerhalb anderer Disziplinen zu sein.

Grundsätzlich lässt sich durch die disziplinentheoretische Regel nicht unterscheiden, ob die Systematik auf der Mathematik basiert oder die Mathematik auf der Systematik. Das aber widerspricht nicht der Disziplinentheorie, weil es natürlich auch Querverbindungen geben kann. Wie schon erwähnt partizipieren eigentlich alle Disziplinen zumindest auch vom Teilwissen aller anderen Disziplinen. Warum sollte man das auch ausschließen? Nur macht es keinen Sinn, wenn man systemische Ordnungsstruktur erhalten möchte, alles mit jedem verbunden darzustellen, zumal das jedem erkenntnistheoretisch ordnenden Prinzip widerspricht. In diesem Falle bedingen sich beide Disziplinen gegenseitig gleichwertig, da die Systematik ursächlich mathematisch und die Mathematik ursächlich systemisch strukturiert ist. Insofern wird die Systemtheorie durch die Mathematik hindurch in die beiden Hauptäste der geisteswissenschaftlichen Logik und der naturwissenschaftlichen Physik vererbt und vice versa mit der Mathematik. Und auch wenn in der Disziplinik, so wie hier beschrieben, keine mathematischen Zusammenhänge explizit auftauchen bzw. (noch nicht) benötigt werden, so ist sie aber dennoch mathematisch strukturiert, da sie auf der eigenschaftlich mathematisch fundierten Systematik basiert. Auch sie ist in ihrem Modellcharakter systemtheoretisch und im Durchgriff damit mathematisch zu erfassen in Bezug auf ihre inneren Strukturen, Entitäten und ihrer immanenten Systemrealität bezüglich ontologischer Disziplinenlandschaft und der epistemischen Theorie dazu.

Es gibt natürlich auch Disziplinen, wo die Zuordnung zunehmend schwerfällt. Im komplexeren Bereich der Disziplinenlandschaft muss unterschieden werden, ob die erkennbaren grundsätzlicheren benötigten Disziplinen ihre betrachteten Entitäten unmittelbar oder nur mittelbar vererben. Z.B. ist die Sprache als Disziplin der Kommunikationsformen letztlich immer die mittelbare Basis zu allen Disziplinen, aber nur wenige bauen unmittelbar darauf auf, weil sie die Sprache in einen spezifischen Bereich fortbetrachten.


10. Fazit [Inhaltsverzeichnis]

Die hier vorgestellte Disziplinentheorie hat alle Merkmale einer echten Theorie, aus der sich weitere Erkenntnisprozesse ableiten lassen. Dazu aber ist es nötig u.a. den Ballast alltäglichen Verstehens von Sprache kritisch zu hinterfragen und auf tatsächliche Prinzipien dieser Kommunikationsform zu reduzieren. Wenn man das tut, dann eröffnet sich die tiefe Bedeutung der hier vorgestellten Disziplinik selbst als Disziplin. Man ist dadurch in der Lage die Disziplinenlandschaft rational und sinnreichend so zusammenzufassen und ganzheitlich darzustellen, dass sie neben ihrer Notwendigkeit das interdisziplinäre Niemandsland zu erschließen auch hinreichend dafür sorgen kann die eingangs genannte Leitgedanken-Denkkultur zu versachlichen und zu objektivieren. Sie wirkt damit integrierend und deeskalierend und ist somit ein Teil ethisch fairen und sachlich motivierten Umgangs in den Wissenschaften. Das ist der Vorteil, wenn in diesem Bereich des Interdisziplinären nun auch ein darstellendes, von Sprache unabhängiges Model zur Verfügung steht. Nur und deshalb ist ein Modell objektiv zu akzeptieren, da es eine Theorie oder Hypothese im Gegensatz zur Sprache grundsätzlich linear vervollständigend beschreibt. Sprache dagegen kann oder könnte einen Sachverhalt nur asymptotisch mit gegen unendlich gehendem Formulierungsaufwand vervollständigend darstellen. Der Volksmund sagt nicht umsonst, dass ein Bild mehr sagt als tausend Worte.


11. Quellen [Inhaltsverzeichnis]
12. weiterführende Literatur [Inhaltsverzeichnis]

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